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Kalter Kaffee

von Dylan_J._Morgenstern · 15. Oktober 2026 · Erzählungen & Kurzgeschichten

Ein erschöpfter Mann sitzt nach Mitternacht allein in einem Diner, starrt auf seinen kalten Kaffee und beobachtet die müde Bedienung, während er in Gedanken versinkt. Er fühlt sich wie ein Geist – körperlich anwesend, innerlich leer – und versucht, den Menschen um ihn herum durch erfundene Geschichten Substanz zu verleihen. Die Erzählung bricht mitten im Satz ab und hinterlässt eine Stimmung tiefer Einsamkeit und innerer Erschöpfung.

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Kalter Kaffee

Es war Freitagnacht. Nein, eigentlich war es bereits Samstag. Der Zeiger der alten, angeschmutzten Analoguhr stand auf kurz nach Mitternacht. Geisterstunde. Und wie ein Geist fühlte er sich, so wie er dasaß. Vor seiner Tasse. Der Kaffee darin längst kalt. Er starrte auf die dunkle, dünne Flüssigkeit, auf seine Hände, die sich fest um die Keramik legten. Er war müde. Unglaublich müde. Er könnte den Kaffee trinken. Deshalb hatte er ihn sich bestellt. Gegen die Müdigkeit. Aber er wusste, dass kein Kaffee dieser Welt, und schon gar nicht diese dünne Plörre, die man hier servierte, gegen die Erschöpfung in seinem Inneren etwas würde tun können.

Die Bedienung sah seit einiger Zeit gefühlt jede Minute abwechselnd auf die Uhr, dann zur Tür und blieb dann einen Moment bei ihm hängen. Er wusste, dass sie ihn gleich auffordern würde zu gehen. Er wusste, dass sie nach Hause wollte.

Er fragte sich, wie ihr Leben außerhalb dieses Diners wohl aussah. Manchmal hatte er Schwierigkeiten, sich vorzustellen, dass Menschen weiterlebten, sobald sie sein direktes Umfeld verließen, als würden sie einfach aufhören zu existieren. Dieser Gedanke machte ihm Angst, weshalb er sich angewöhnt hatte, sich Geschichten für diese Menschen auszudenken.

Er betrachtete die Bedienung aus dem Augenwinkel. Sie wischte genervt die letzten Krümel des Tages von der abgewetzten Theke. Im Hintergrund dudelte irgendein alter Country-Song. Er meinte, Dolly Partons Stimme zu erkennen. 9 to 5. Er wettete, die Bedienung wünschte sich auch einen 9-to-5-Job. Sie war nicht mehr jung. Er schätzte sie auf Ende 40. Lockige rote Haare, die offensichtlich gefärbt waren. Die Natur konnte einen solchen Ton nicht von alleine kreieren. Es stand ihr. Das kurze Haar war sorgfältig in Locken gelegt. Wahrscheinlich schlief sie nachts mit einem Haarnetz. Auf ihrer Nase saß eine dicke, schwarze Hornbrille. Sie wirkte mehr wie ein Statement als eine Sehhilfe. Ihre Lippen waren tiefrot – oder wären es gewesen, doch nach Stunden des Arbeitens ohne die Möglichkeit, ihr Make-up aufzufrischen, war der Lippenstift inzwischen verblasst. Es gab ihr etwas Trauriges. Wie ein altes Foto einer einstmals schönen Erinnerung, welches mit der Zeit nicht nur auf dem Papier verblasst war.

Die alte Schürze, die sie über ihrer Uniform trug, rundete das Bild von Nostalgie und Staub ab. Mit einem fast schon eleganten Hüftschwung drehte sie sich um und verschwand mitsamt dem Tuch in ihrer Hand nach hinten in die angrenzende Küche.

Er hörte Stimmengemurmel. Sie sprach mit dem Koch. Er konnte nicht verstehen, worum es ging. Ihre Stimmen klangen müde. Ausgelaugt von einem weiteren langen, anstrengenden Tag in der Gastronomie.

Langsam wandte er den Blick dem Fenster neben sich zu. Es hatte vor einer Stunde aufgehört zu regnen. Nur noch vereinzelte Tropfen waren auf der Fensterscheibe zu sehen, und der Vollmond schien hell und klar auf den Parkplatz vor dem Diner, auf dem nur noch drei Wagen standen. Er vermutete, dass der kleine, kompakte, rote VW New Beetle der Bedienung gehörte und der schwarze BMW Kombi dem Koch. Aber er konnte sich irren. Heutzutage war alles möglich, und er dachte noch viel zu sehr in Klischees.

Klischees. Die Bedienung. Was sie wohl tat, wenn sie das Diner verließ, fragte er sich erneut. Er stellte sich vor, dass sie zu Hause von einer kleinen Promenadenmischung erwartet werden könnte. Vielleicht auch von einem Freund oder einer Freundin. Ob sie wohl Kinder hatte? Vielleicht war sie verheiratet, und während sie dafür sorgte, dass zusätzliches Geld in die Kasse kam, sorgte ihr Mann zu Hause dafür, dass die Kinder rechtzeitig im Bett lagen. Oder waren ihre Kinder schon lange aus dem Haus? Der Mann bereits in zweiter Ehe mit einer jüngeren, schlankeren Version von ihr, während sie allein, einsam, aber immerhin frei von der patriarchalischen Unterdrückung zurückgeblieben war?

„Schätzchen, es tut mir schrecklich leid, aber wir schließen jetzt.“

Er schrak heftig zusammen, als ihre erschöpfte, aber seltsam voll tönende Stimme an sein Ohr drang. Er hatte sie nicht kommen gehört. Er schaute sie mit rasendem Puls an und zwang sich, einmal tief ein- und auszuatmen.

„Du kannst morgen gerne wiederkommen, um eine weitere Tasse Kaffee zum Anstarren zu bestellen“, fuhr sie mit Blick auf das erkaltete Getränk fort. Sie verlagerte ihr Gewicht ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, sichtlich darauf wartend, dass er aufstand und ging.

„Wenn ich jetzt gehe, wird jemand sterben“, hörte er sich sagen. Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern, und für einen Moment fragte er sich, ob sie es überhaupt gehört hatte. Ihre Augen wurden groß, während sie einen minimalen, kaum sichtbaren Schritt zurück machte. Sie sah ihn ungläubig an.

„Was soll das heißen? Hör mal, Schätzchen, wenn das ein Witz sein sollte …“ Ihr Kopf schwang herum; sie blickte Richtung Küche, offensichtlich drauf und dran, den Koch zu rufen.

„Es ist mein Ernst.“ Seine Stimme klang diesmal lauter, aber immer noch heiser. Trocken.

Sie drehte sich wieder ganz zu ihm um. Die Verwirrung auf ihren Zügen war immer noch deutlich sichtbar. „Was soll das heißen?“ Auch ihre Stimme klang jetzt weniger fest. „Wer wird sterben?“ Eine Erkenntnis huschte über ihr Gesicht. „Brauchen Sie Hilfe? Soll ich die Polizei verständigen? Soll …“

„Nein! Keine Polizei!“, unterbrach er sie fast etwas zu harsch. Er fragte sich, ob ihr bewusst war, dass sie ihn auf einmal angefangen hatte zu siezen. „Bitte keine Polizei. Das würde alles noch schlimmer machen“, fügte er kraftlos hinzu.

„Ich versteh nicht. Was soll das Ganze dann? Und wieso dürfen Sie nicht gehen?“ Ihr Blick glitt nach draußen. „Werden Sie beobachtet? Wollen Sie das damit sagen?“ Nervös fing sie an, ihre Schürze zu kneten.

„Nein, ich werde nicht beobachtet.“ Er schüttelte den Kopf, starrte auf den Kaffee und spürte den Knoten in seiner Brust, den Kloß in seinem Hals. „Würden Sie …“, fing er an. Seine Stimme versagte. Er räusperte sich. „Würden Sie sich für einen Moment zu mir setzen?“ Er hob den Blick. Ihre Augen waren blau wie der Himmel. Wie Kornblumen. Seltsam, dass er ausgerechnet jetzt an Kornblumen denken musste. „Bitte?“, fügte er sanft hinzu, als er bemerkte, wie sie zögerte.

Sie warf einen kurzen, unsicheren Blick Richtung Küche. Dann, mit einem Seufzen, schob sie sich ihm gegenüber auf die Sitzbank. Das Polster machte einen kurzen, knarzenden Laut, als sie sich darauf sinken ließ.

„Danke“, murmelte er. Er löste die Hände von der Tasse, um sie links und rechts davon flach auf den Tisch zu legen.

Sie saß da, sichtlich angespannt, und wartete darauf, was jetzt passieren würde. Er fragte sich, ob sie Angst hatte. Bestimmt hatte sie Angst. Sie war eine Frau, die mitten in der Nacht einem seltsamen, fremden Mann gegenübersaß, dessen Aussehen darauf schließen ließ, dass er schon bessere Tage gesehen hatte. „Not all men. But always men“, schoss es ihm durch den Kopf. Natürlich hatte sie Angst.

„Wie heißen Sie?“, fragte er, ohne aufzublicken, die Hände weiter flach auf die Tischplatte gedrückt. Draußen hatte der Regen wieder eingesetzt. Schwere Tropfen klatschten gegen die Scheibe und übertönten das unermüdliche Radio im Hintergrund.

Sie schluckte und rückte unruhig auf ihrem Sitzplatz herum. Jede Bewegung erzeugte ein weiteres knarzendes Geräusch. Endlich schien sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben. „Doreen“, sagte sie leise. Sie rückte sich die Brille zurecht, hielt dann inne, nahm sie ab, um sie mit ihrer Schürze zu putzen. Die routinierte Tätigkeit schien ihr wieder etwas Sicherheit zu geben. „Wie ist Ihr Name?“, fragte sie zurück. Vielleicht war es ein Reflex, vielleicht interessierte es sie wirklich.

„Daniel.“ Ein kurzes Schweigen trat ein. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Doreen.“ Er meinte es so, wie er es sagte. Keine Spur von Sarkasmus in der Stimme. „Wie lange arbeiten Sie schon hier?“

Sie war sichtlich irritiert über die vermeintliche Belanglosigkeit dieser Frage. „Seit etwas mehr als zehn Jahren.“

Er nickte ruhig. „Damals hatte das Diner gerade erst geöffnet, oder?“

Die Skepsis in ihrer Stimme war deutlich zu hören, als sie ihm erneut antwortete. „Richtig. Kurz nach der Eröffnung habe ich damals hier angefangen.“ Die Anspannung in ihren Schultern ließ ein wenig nach, doch es war eindeutig, dass sie weiterhin wachsam war.

Gut so, dachte er. Als Frau kann man nicht vorsichtig genug sein. „Wieso?“

Sie stutzte erneut und schien den Sinn seiner Frage erst nicht zu verstehen. Sie beobachtete ihn aus leicht zusammengekniffenen Augen, die Brille wieder fest auf ihrer Nase. „Wieso?“, echote sie. „Nun, ich glaube einfach, weil ich das Geld brauchte. Irgendwas muss man schließlich arbeiten, nicht wahr? Und dieser Job hier …“, sie machte eine kleine, knappe Geste Richtung Gang, „ist genauso gut wie jeder andere“, beendete sie ihren Satz.

Genauso gut wie jeder andere, dachte er und bezweifelte diese Worte sofort. Er tippte mit den Fingerspitzen der linken Hand auf den Tisch, ihr Blick folgte der Bewegung.

„Denken Sie das wirklich? Dass dieser Job so gut ist wie jeder andere?“

Sie sah ihn verständnislos an und wollte gerade ansetzen, etwas zu erwidern, als er ihr zuvorkam. „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wollen Sie mir wirklich sagen, dass Sie nie davon geträumt haben, etwas anderes zu machen, als in einem Diner von morgens bis abends zu servieren?“ Seine Stimme hatte wieder etwas an Energie gewonnen, und man konnte eine minimale Spur des Feuers heraushören, das sie einmal ganz natürlich besessen haben musste.

Sichtlich verlegen senkte sie den Kopf ein kleines Stück. „Nun ja, vielleicht nicht gerade das, aber …“ Ihre Hände fingen wieder an, ihre Schürze zu kneten. „Irgendwas muss man schließlich arbeiten“, schloss sie lahm.

Er nickte wieder. „Richtig“, stimmte er ihr monoton zu. Der Funke von eben war wieder restlos verschwunden, und die Finger seiner linken Hand hörten auf, sich zu bewegen. „Haben Sie nie von etwas anderem geträumt? Davon, dass es mehr geben muss? Mehr als das?“, begann er wieder.

Er wusste, wohin dieses Gespräch führen würde. Er hatte solche Gespräche schon tausende Male geführt. Mit Familie, Freunden, Fremden und mit sich selbst. Vor allem mit sich selbst.

Sie schien wirklich zu überlegen. „Doch“, sagte sie dann langsam, stützte ihre Arme auf der Tischplatte ab und beugte sich leicht vor. „Ich wollte zum Radio. Ich wollte Moderatorin werden.“

Die Antwort überraschte ihn. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Er hob den Blick, um sie direkt anzusehen. Sein Erstaunen war offensichtlich.

Sie errötete leicht, drehte verlegen den Kopf zur Seite, um aus dem Fenster zu schauen – irgendwohin, nur nicht zu ihm.

„Entschuldigen Sie“, beeilte er sich rasch zu sagen. „Es ist nur, normalerweise geben mir die meisten Menschen eine andere Antwort.“ Er wollte noch eine Erklärung nachschieben, unterbrach sich aber. „Radiomoderatorin also.“ Er nickte erneut. „Deshalb Ihre Stimme.“

Sie schaute ihn überrascht an und legte den Kopf schief.

„Sie klingt ungewöhnlich voll. Ihr Timbre. Es ist … nicht wie andere Stimmen.“ Ein „Oh“ formte sich auf ihren Lippen. „Ich wette, Sie wären eine gute Moderatorin geworden.“

Wieder errötete sie leicht. „Sagen Sie das meinen Eltern. Oder meinem Mann. Oder meinen Freunden. Jobs beim Radio, gerade in der Moderation, gibt es nicht wie Sand am Meer. Ich habe es versucht. Ich hatte nach der Schule ein Praktikum bei einem lokalen Radiosender gemacht. Es hat mir gefallen. Aber jeder meinte, das sei Quatsch. Ich solle etwas Vernünftiges machen.“ Ihre Stimme hatte mit einem Mal etwas Drängendes. Die Worte kamen ihr wie ein Wasserfall über die Lippen, als hätte sie nur darauf gewartet, sich Luft machen zu dürfen. „Dann lernte ich Harry kennen. Ich meine meinen Mann, wurde schwanger und dann noch mal, kaum dass unser Erster ein Jahr alt war. Damals hatte Harry noch einen guten Job. Er wollte, dass ich zu Hause blieb und mich um die Kinder kümmerte. Ich wollte arbeiten. Ich hatte immer noch den Traum vom Radio, aber ich fügte mich. Jeder sagte mir nur, wie froh ich sein könnte, dass ich einen Mann wie Harry gefunden hatte, der so gut verdient, dass ich nicht arbeiten müsste.“ Sie schluckte, der Redefluss hatte einen leicht verzweifelten Unterton angenommen, und starrte für einen Augenblick wieder aus dem Fenster.

„Vor zehn Jahren verlor Harry seinen gut bezahlten Job. War eine harte Zeit. Die Kinder waren zwar aus dem Gröbsten raus, aber noch lange nicht erwachsen. Ich musste arbeiten. Ich habe mich auf viele Stellen beworben. Nichts als Absagen. Dann hat das Diner eröffnet. Sally, die Besitzerin, ist eine alte Freundin meiner Mutter. So kam ich zu dem Job und bin geblieben. Harry hat einige Zeit später ebenfalls wieder Arbeit gefunden. Nicht mehr so gut bezahlt wie der alte Posten. Gut, aber nicht gut genug, damit ich wieder zu Hause bleiben konnte.“ Um ihre Augen herum lag ein nachdenklicher Ausdruck. Ihre Lippen hatten sich unmerklich zusammengezogen. Ein Hauch von Trotz umspielte ihre Züge. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie gerade vor sich selbst rechtfertigte, warum sie einem völlig Fremden so viel über sich erzählt hatte.

Er kannte die Antwort. Weil es einfacher war. Egal, wie er reagieren würde, es würde ihr nicht so wehtun, wie wenn es von jemandem käme, der ihr am Herzen lag. Er kannte dieses Gefühl nur zu gut.

„Hätten Sie denn wieder zu Hause bleiben wollen?“, fragte er nach und beugte sich ebenfalls ein wenig vor. Er hatte ihre Sitzhaltung, während sie gesprochen hatte, unbewusst imitiert. Von außen hätte man meinen können, sie kennen sich schon lange. Die Bedienung und der Stammkunde. Nichts hätte weiter von der Wahrheit entfernt sein können. Aber so war das nun mal mit äußeren Eindrücken.

Ohne zu zögern antwortete sie ihm. Diesmal war der Trotz nicht nur eine Vermutung, er war offensichtlich. „Nein! Auf keinen Fall. Es ist nicht das, was ich mir gewünscht habe.“ Sie sah sich im Diner um. „Die Tage sind lang, die Arbeit hart. Meine Füße werden auch nicht jünger. Ebenso wenig wie mein Rücken. Trotzdem macht es mir Spaß. Ich lerne Menschen kennen, kann mit ihnen plaudern. In meinen eigenen vier Wänden dachte ich manchmal, verrückt zu werden, wenn ich tagelang nur mit den Kindern gesprochen hatte, weil Harry abends zu müde war.“ Sie seufzte. Es klang resigniert, aber nicht hoffnungslos.

„Sie könnten es immer noch. Wissen Sie? Mit Ihrer Stimme arbeiten, meine ich.“

Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

„Ich meine es ernst. Ich mag Ihre Stimme. Ich wette, die Menschen hören Ihnen gerne zu. Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, was es braucht, um beim Radio als Moderatorin arbeiten zu können, aber vielleicht …“, er überlegte kurz, „Podcasts?“ Er schaute sie fragend an. „Nicht unbedingt, um Geld zu verdienen. Nicht gleich, meine ich, aber als Einstieg? Oder Hörbücher einsprechen? Ich meine, warum nicht? Was kann schon schiefgehen? Sie könnten es versuchen. Es gibt keine Regel, die Ihnen verbietet, es nicht wenigstens zu versuchen.“

Sie lachte leise. Es klang eher traurig als amüsiert. „Podcasts? Murder Mystery?“, fragte sie in leicht spöttischem Tonfall zurück.

„Klar! Warum nicht? Oder was auch immer Sie wollen. Es ist nur eine Idee. Eine Richtung, wenn Sie wollen.“ Er ging nicht auf ihren Sarkasmus ein. Stattdessen wurde sein Blick ernst. „Was haben Sie zu verlieren?“, fragte er sie mit klarer, fester Stimme, jede Heiserkeit mit einem Mal verschwunden.

Sie wollte etwas sagen. Ihr Mund öffnete sich, schloss sich, öffnete sich. Dann schwieg sie und dachte nach.

„Sie müssen mir keine Antwort geben. Sie müssen auch sich selbst keine Antwort geben. Zumindest nicht heute Nacht. Aber vielleicht morgen?“ Seine Stimme klang nun wieder weicher, fast besänftigend, während sie ihn immer noch stumm ansah. Es dauerte eine Weile, bis sie einen Ton der Zustimmung über die Lippen brachte.

„Ok“, sagte sie und nickte einmal fest.

„Ok!“, antwortete er ebenso fest.

Ihre Haltung hatte sich verändert. Sie wirkte mit einem Mal nicht mehr angespannt und erschöpft, sondern entschlossen. Wie bei jemandem, der gerade einen Entschluss gefasst hat.

Er griff in seine Jackentasche und zog, ohne hinzusehen, eine abgegriffene Visitenkarte hervor. „Das sind meine Kontaktdaten. Wenn Sie sich entschieden haben, was Sie machen wollen – Murder-Mystery-Podcast“, er grinste zum ersten Mal an diesem Abend, immer noch müde, aber die Starre war aus seinen Zügen gewichen, „oder was anderes … Bitte lassen Sie es mich wissen. Ich würde es gerne hören.“ Ein auffordernder Blick lag in seinen Augen, als er ihr die Karte zuschob.

Sie nahm sie zögerlich und warf einen kurzen Blick darauf, bevor sie sie in die Tasche ihrer Uniform steckte. „Versprochen?“, hakte er nach.

„Versprochen“, antwortete sie bestimmt.

„Gut.“ Langsam stand er auf und blieb neben dem Tisch stehen. Nun saß sie da, während er sich leicht zu ihr beugte. Vertauschte Rollen.

„Der Kaffee ist kalt. Es ist spät. Sie sollten schließen.“ Er lächelte freundlich, als er ihr ein letztes Mal zunickte.

Er drehte sich in Richtung des Ausganges. Fast erwartete er, dass sie ihm noch etwas nachrufen würde, doch sie tat nichts dergleichen. Sie blieb einfach sitzen, ohne ihm nachzusehen, versunken in ihren eigenen Gedanken und Möglichkeiten.

Er öffnete die Tür und trat in den Regen. Er spürte die kalten, schweren Tropfen auf seiner Haut. Er ging mit schweren Schritten auf seinen alten, dunkelgrünen Jeep zu.

Auf Höhe eines Mülleimers, die rund um das Diner aufgestellt waren, hielt er inne. Er griff erneut in die Tasche seiner Jacke. Diesmal zog er eine große Schachtel heraus. Somnalon. Schlaftabletten. Er warf sie hinein, hielt kurz inne und schaute zum hellen, vollen Mond hinauf. Aus dem Augenwinkel sah er eine Sternschnuppe.

Heute Nacht nicht, dachte er. Heute Nacht nicht.

Dann ging er weiter zu seinem Wagen. Er freute sich darauf, Doreens Stimme wiederzuhören. Zum ersten Mal seit Langem empfand er so was wie Zuversicht.

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