Was Marta über Radieschen wusste
von Branko_Vidovic · 26. Oktober 2026 · Familie & Generationen
Ein Großvater erinnert sich an den Sommer, in dem seine neunjährige Enkelin Petra ein altes Foto der verstorbenen Urgroßmutter Marta entdeckte und begann, Fragen über ihr Leben zu stellen. Die Geschichte kreist um das, was zwischen den Generationen verloren geht – Wissen, Erinnerungen, ungestellte Fragen – und um die Kraft eines Kindes, das noch nicht gelernt hat, die Toten für erledigt zu halten. Durch Petras unbefangene Neugier wird sowohl Verlust als auch die Möglichkeit der Weitergabe spürbar.
Der Sommer, in dem meine Enkelin Petra neun wurde, begann sie sich sehr für die Mutter meiner Frau zu interessieren, die seit einunddreißig Jahren tot war.
Es begann mit einem Radieschen. Petra hatte ein Foto in der Schublade gefunden, die wir unter dem Fernseher aufbewahren — jene Schublade, die jede Familie hat, voll von Batterien, die vielleicht noch funktionieren oder auch nicht, und Dokumenten, die vielleicht noch wichtig sind oder auch nicht. Auf dem Foto hockte eine alte Frau in einem Garten, ihr Rock bauschte sich im Erdreich um sie herum, und sie zog etwas aus dem Boden mit einer Zufriedenheit, die fast theatralisch wirkte. Petra brachte das Foto an den Tisch, wo ich meinen Morgenkaffee trank, und legte es vor mir ab, als würde sie ein Beweisstück einreichen.
„Wer ist das?"
„Das ist Marta", sagte ich. „Die Mutter deiner Großmutter. Deine Urgroßmutter."
Petra betrachtete das Foto lange. „Sie sieht aus, als würde sie etwas wissen."
Ich sah noch einmal hin. Sie hatte recht. Es gibt einen bestimmten Ausdruck, den sehr fähige Menschen tragen, wenn sie etwas Einfaches tun — eine Art verhaltener Stolz, kein Hochmut, eher so etwas wie Geläufigkeit. Marta hatte davon im Überfluss. „Sie wusste tatsächlich etwas", sagte ich. „Sie wusste alles über Radieschen."
Das war keine Metapher. Marta hatte Radieschen so angebaut, wie manche Menschen eine Religion praktizieren, mit genauen Zeitplänen und stillen Ritualen, und die Radieschen, die sie hervorbrachte, waren schlicht erstaunlich — knackig, pfeffrig, nie holzig, selbst im August, wenn alle anderen schon bitter und seltsam geworden waren. Meine Frau Vesna hatte jahrelang versucht, sie nachzumachen, und war gescheitert. Das Wissen war mit Marta gestorben, bevor jemand ernsthaft daran gedacht hatte, danach zu fragen.
Petra wollte mehr wissen. Nicht über Radieschen im Besonderen, sondern über Marta — was sie gesagt hatte, wovor sie Angst gehabt hatte, ob sie lustig gewesen war. Das sind die Fragen, die Kinder stellen und die Erwachsene meist aufgehört haben zu stellen, weil Erwachsene entschieden haben, dass die Toten erledigt sind. Petra hatte das noch nicht entschieden.
Ich erzählte ihr, was ich wusste, was weniger war, als ich mir gewünscht hätte. Marta hatte den Krieg sehr jung erlebt und war mit einer besonderen Sparsamkeit daraus hervorgegangen — sie verschwendete keine Worte, sie verschwendete kein Essen, und sie verschwendete offenbar auch keine Trauer, wobei ich nicht genau erklären kann, was ich damit meine, außer dass sie schwierige Dinge in sich aufnahm und dann weiterging. Ich hatte sie nur acht Jahre lang gekannt, bevor sie starb, und ich war in diesen acht Jahren nicht neugierig genug gewesen. Das sagte ich Petra unumwunden.
„Du hättest mehr fragen sollen", sagte Petra.
„Ja", sagte ich. „Da hast du recht."
Sie dachte darüber nach mit dem unkomplizierten Ernst von Neunjährigen, die noch nicht gelernt haben, jede Beobachtung abzumildern. Dann sagte sie: „Ich werde Baka alles fragen."
Baka ist Vesna. Vesna war in diesem Moment im Garten und machte irgendetwas an den Tomaten. Petra ging hinaus, um sie zu finden, das Foto noch immer in der Hand, und durch das Küchenfenster beobachtete ich die beiden — Vesna, die sich aufrichtete, die Hände an der Hose abwischte und dann ganz still wurde, als Petra ihr das Bild zeigte. Selbst von drinnen konnte ich sehen, was über das Gesicht meiner Frau zog. Es war nicht genau Trauer, eher wie das Öffnen einer Tür in einem Zimmer, das sie für versiegelt gehalten hatte.
Sie saßen fast eine Stunde lang zusammen auf der niedrigen Mauer beim Feigenbaum. Ich ging nicht hinaus. Manche Gespräche brauchen ihr eigenes Wetter.
An jenem Abend erzählte mir Vesna, worüber sie gesprochen hatten — nicht alles, glaube ich, aber die Umrisse davon. Sie hatte Petra von Martas Händen erzählt, die immer kalt und immer sicher gewesen waren. Sie hatte ihr von der besonderen Art erzählt, wie Marta an eine Tür klopfte, niemals zögerlich. Sie hatte sich an Dinge erinnert, von denen sie nicht wusste, dass sie sie erinnerte: den Geruch von Martas Mantel, ein Lied, das Marta beim Bügeln gehummt hatte und das keine Worte hatte und möglicherweise keinen Namen.
„An dieses Lied habe ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gedacht", sagte Vesna. Sie klang gleichzeitig dankbar und überrumpelt.
Petra hatte, wie sich herausstellte, Notizen gemacht. In einem richtigen kleinen Notizbuch, das sie eigens geholt hatte. Vesna beschrieb es und musste dann einen Moment lang wegschauen.
Ich dachte darüber nach, was es bedeutet, einen Menschen zu erben — nicht seine Möbel oder sein Geld oder selbst seine Rezepte, sondern das Gefüge, wie er sich durch die Welt bewegt hatte. Wie dieses Erbe ins Stocken geraten und verloren gehen und dann unversehens wiedergefunden werden kann, von einer Neunjährigen mit einem Notizbuch und der radikalen Kühnheit, einfach zu fragen.
Das Geheimnis der Radieschen haben wir nie gelüftet. Aber Petra ist jetzt zwölf, und sie versucht es. Sie hat ihr eigenes kleines Stück Erde neben unserem Zaun, und diesen Frühling hat sie zwei Reihen gepflanzt. Es sind nicht Martas Radieschen. Es ist etwas anderes, das beginnt.
Diese Geschichte wurde mit Hilfe von KI erstellt.
In der App lesen, eine Resonanz hinterlassen, mehr Geschichten entdecken.