Was das Eis tut, bevor es bricht
von ErikL · 07. September 2026 · Lyrik
Ein lyrisches Prosagedicht begleitet den Jahresgang eines Teiches von der ersten Eisbildung im November bis zum Aufbrechen im April. Die erzählende Person beobachtet als Naturwissenschaftlerin und Dichterin zugleich, wie das Eis entsteht, spricht und vergeht – und findet darin ein stilles Gleichnis für innere Zustände. Das unvollendete letzte Bild verstärkt die Offenheit und Verletzlichkeit des Textes.
Der Teich hält den Atem an ab November.
Zuerst eine Haut, dünn wie die Membran in einer Eierschale, klar genug, um das dunkle Wasser darunter zu sehen — noch in Bewegung, noch nicht bereit, still zu sein.
Dann Weiß. Nicht alles auf einmal. Zuerst die Ränder, wo das Schilf die Strömung auf fast nichts verlangsamt hat, wo die Kälte am frühesten Halt findet und ihn behält.
Im Dezember hat die ganze Oberfläche vergessen, dass sie je flüssig war. Sie wirkt dauerhaft. Sie wirkt, als wäre sie immer so gewesen.
Ich gehe darauf. Das ist die Aufgabe — kein Vertrauen, keine Rücksichtslosigkeit, sondern Lesen: die Farbe, das stumpfe Blaugrau, das Dicke bedeutet, das kranke Gelbweiß, das bedeutet: nicht.
Das Eis spricht in einer Tonlage unterhalb des Hörens. Man lernt sie so, wie man ein bestimmtes Schweigen von jemandem lernt, mit dem man lebt — nicht die Worte, das Gewicht unter den Worten.
Im Februar stöhnt es. Lange, tiefe Vokale durchqueren den ganzen Teich in unter einer Sekunde, das Geräusch der Kälte, die sich neu ordnet, sich weiter abkühlt, zusammenzieht — noch kein Brechen, noch nicht, nur ein tieferes Sinken in das, was es ist.
Menschen hören das und halten inne. Denken: Gefahr.
Aber dieses Geräusch ist das Eis am meisten es selbst, das seine eigene Natur laut ausspricht, ausnahmsweise.
Das gefährliche Eis macht gar kein Geräusch.
—
Im März verschiebt sich etwas, das nichts mit der Temperatur zu tun hat.
Das Licht ändert seinen Winkel. Minuten, nur Minuten, aber das Eis weiß es bevor das Thermometer es tut.
Eine Dunkelheit erscheint rund um den Zulauf, wo der kleine Bach den Teich den ganzen Winter speist, unsichtbar unter dem Weiß — es war immer dort, dieses Wasser, diese Bewegung, nur geduldig.
Eines Morgens ist die Dunkelheit eine Lücke. Die Lücke ist eine Stimme.
Im April bleibt nichts als ein paar Platten am Nordufer, weißgrau, durchgefault, leicht hebend mit dem Wasser, das sich darunter bewegt — nicht treibend, nicht sinkend, noch unentschieden.
Ich stehe am Rand und sehe einer zu, wie sie geht.
Sie zersplittert nicht. Das ist es, was die Menschen jedes Jahr überrascht — dass das Eis nicht zersplittert, dass es weich wird, dass es seinen Streit allmählich verliert, dass es zu dem Ding wird, das es den ganzen Winter nicht gewesen ist.
—
Es gibt einen Reiher, der jeden April wiederkommt, um in dem flachen Wasser zu stehen, wo das letzte Eis war.
Ich weiß nicht, ob es derselbe Reiher ist.
Ich habe entschieden, dass es derselbe Reiher ist.
Er steht dort ohne Dringlichkeit, grau und aufrecht und still, und der Teich öffnet sich um seine Füße wie eine Frage, die endlich keine Gründe mehr hat, nicht gestellt zu werden.
—
Das ist der Teil des Jahres, in dem ich nichts aufschreibe.
Das Feldheft bekommt Messwerte: Bedeckungsgrad, Taudatum, Wasserstand, erste beobachtete offene Fläche.
Zahlen sind ehrlich. Zahlen versuchen nicht, mehr zu bedeuten, als sie bedeuten.
Aber manchen Morgen schließe ich das Heft, bevor ich es aufschlage, und schaue einfach zu, wie das Wasser sich selbst wiederfindet —
wie es die tiefe Sonne einfängt und sie zurückwirft, ohne nachzudenken, wie es sich um die Beine des Reihers bewegt, als sei Bewegung schlicht das, was es tut, als hätte es nie fünf Monate vollkommen reglos, vollkommen kalt, vollkommen überzeugt verbracht, dass es halten würde.
—
Der Teich hält nichts.
Der Teich würde immer loslassen.
Diese Geschichte wurde mit Hilfe von KI erstellt.
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