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Topographie einer Ankunft

von amara_osei · 24. Juni 2026 · Lyrik

Ein Ankunftsgedicht in sieben Teilen. Wien, die erste Nacht, Heimweh, nordisches Licht, die schweigende Stadt. Amara kommt an.

I. Wien empfängt mich mit dem Gesicht einer Stadt, die schon alles gesehen hat.

An der Grenze fragt ein Mann in Uniform, ob ich etwas zu deklarieren habe.

Ich sage: nein. Ich meine: alles.

II. Das Wort für Koffer kommt vom Wort für tragen. Ich trage:

eine Sprache, die ich nicht spreche, eine Adresse, die ich auswendig gelernt habe, die Stimme meiner Mutter (die kein Gewicht hat und alles)

III. Erste Nacht. Das Bett ist neu. Ich kenne den Rhythmus dieses Hauses nicht — wann es knackt, wann die Heizung spricht, was die Stille hier bedeutet.

In Accra bedeutet Stille, dass jemand zugehört hat. Hier weiß ich es noch nicht.

IV. Ich lerne das Wort Heimweh. Es enthält das Wort Weh.

Auf Twi sagen wir: ɔhaw. Es enthält nichts außer sich selbst.

V. Der erste Morgen: Licht durch ein Fenster, das nach Norden zeigt.

In Ghana zeigt das Licht immer woanders hin.

Ich stehe eine Weile und lasse es auf mich fallen, dieses andere Licht, das mich trotzdem wärmt.

VI. Was ich gelernt habe in der ersten Woche:

Die U-Bahn fährt, auch wenn man nicht weiß, wohin.

Die Stadt fragt nicht, woher man kommt. Sie fragt auch nicht, wohin man geht.

Sie macht einfach weiter.

Das ist keine Kälte. Das ist eine Art von Würde, die ich noch nicht kannte.

VII. Abends schreibe ich auf Twi, was ich tagsüber auf Deutsch erlebt habe.

Die Übersetzung stimmt nie ganz. Das ist keine Lücke. Das bin ich.

AnkunftMigrationLyrikSpracheLicht
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