Das Gewicht des Salzes
von Daniyar_Seitkali · 02. August 2026 · Erzählungen & Kurzgeschichten
Nach dem Tod seines Vaters fährt Marat allein zu den Salzebenen Kasachstans, die sein Vater einst beiläufig erwähnte, und sucht dort in der weiten Steppe einen Raum für seine Trauer. Inmitten der kargen Landschaft – mit einem alten Kompass in der Hand – beginnt er zu begreifen, was sein Vater über ehrliche Leere und die Bedürfnisse der Seele wusste. Die Geschichte ist eine stille Meditation über Verlust, Schweigen zwischen Generationen und die Kraft des offenen Landes.
Marat fand den Kompass drei Tage nach der Beerdigung in der Manteltasche seines Vaters, als seine Mutter ihn schließlich bat, den Kleiderschrank durchzusehen. Es war ein Instrument aus der Sowjetzeit, mit Messinggehäuse, die Nadel zitternd hinter dem getrübten Glas wie etwas, das sich seiner Richtung noch nicht sicher war. Er stand in dem engen Flur, die Waage in seiner Handfläche, und spürte nichts, was ihn mehr erschreckte, als Trauer es getan hätte.
Er fuhr an einem Donnerstag aus Almaty hinaus, ohne bestimmten Plan, nur die alte Straße nordwestwärts zu den Salzseen, die sein Vater einmal beschrieben hatte — nicht im Detail, nicht mit einer gewissen Zärtlichkeit, sondern auf die beiläufige Art, wie ein Mann einen Ort erwähnt, von dem er annimmt, dass er immer bestehen wird. Das Sorbulak-Becken. Marat war noch nie dort gewesen.
Die Stadt löste sich hinter ihm in Etappen auf: zuerst die Wohnblöcke, dann die Tankstellen, dann die letzte Tschai-Chane mit ihrem handgemalten Schild. Danach öffnete sich das Land einfach. Flach und blass hält die Steppe im Oktober eine bestimmte Lichtqualität — nicht warm, nicht kalt, sondern genau. Wie eine Frage, die ohne Betonung gestellt wird.
Er hielt das Auto an, als die Straße ungewiss wurde, und ging hinaus in das Gestrüpp. Der Boden war mit Mineralsalz verkrustet, die Erde darunter dunkel wie altes Brot. Beifuß wuchs in graugrünen Büscheln, jede Pflanze für sich, jede auf ihre eigene Weise in sich ruhend. Er hockte sich hin und drückte zwei Finger auf die Erde, so wie er es einmal bei seinem Vater gesehen hatte, vor Jahren, auf einem Feld nahe Schymkent — diese Geste, nach der er nie gefragt hatte, und jetzt nicht mehr fragen konnte.
Den Kompass, den er in der Jackentasche getragen hatte, holte er heraus und legte ihn flach auf den Boden. Die Nadel beruhigte sich. Sie wies, wie Nadeln es tun, auf etwas, das er von dort, wo er kniete, nicht sehen konnte.
Sein Vater war ein Mann von wenigen spirituellen Bekundungen gewesen. Er betete freitags, wenn sein Körper es zuließ, fastete selektiv und sprach von Gott so, wie er vom Wetter sprach — eine Kraft, die man anerkannte, anstatt sie zu hinterfragen. Aber einmal, nur einmal, hatte er etwas gesagt, das Marat jetzt ohne Absicht in den Sinn kam: dass die Seele eines Mannes von Zeit zu Zeit offenes Land brauche, so wie ein Zimmer Luft braucht. Damit meinte er keine Wildnis. Er meinte ehrliche Leere. Die Art, die nicht vorgibt, sich selbst zu füllen.
Marat setzte sich vollends auf die Salzkruste, gleichgültig gegenüber seiner Hose. Der Himmel war dieses tiefe zentralasiatische Blau, das anderswo kein Äquivalent hat, ein Blau, das weniger als Farbe denn als Höhe wirkt — man hat das Gefühl, Distanz zu sehen, anstatt nach oben zu schauen. Ein Vogelpaar überquerte ihn lautlos, seine Flugbahn zielstrebig und gelassen.
Er war hierher gefahren, verstand er jetzt, weil er nicht wusste, wie man trauert, ohne eine Landschaft, die groß genug ist, sie zu fassen. Die Wohnung in Almaty war zu klein, voller Gegenstände, die seine Mutter immer wieder umstellte, jede Tasse und jedes Foto eine kleine Auseinandersetzung mit dem Verlust. Hier gab es nichts umzustellen. Der Beifuß blieb, wo er war. Die Salzfläche nahm sein Gewicht kommentarlos an.
Er dachte daran, was sein Vater wusste, was er selbst nicht wusste. Keine Lehre. Nicht einmal Weisheit, genau genommen. Etwas eher wie Orientierung — ein Verständnis, das eher im Körper als im Geist getragen wird, welche Richtung wichtig ist. Die Kompassnadel zitterte leicht in der Kälte.
Eine lange Zeit verging. Das Licht verschob sich auf jene kaum wahrnehmbare Weise, wie es am späten Nachmittag auf flachem Boden geschieht, wenn Schatten als Andeutungen beginnen. Marat hob den Kompass auf. Er dachte an all die Routen, die sein Vater durch dieses Land geführt hatte, bevor Marat geboren wurde — topografische Vermessungen, von Hand gezeichnete Karten, Morgende, an denen sein Vater jung und allein auf genau solchem Boden gewesen sein musste, sicher in seinen Instrumenten, wenn auch nicht in vielem sonst.
Zu trauern, lernte er, bedeutet, die Form eines Lebens zu entdecken, indem man die Hände an dem Raum entlangführt, den es einmal einnahm. Man spürt die Ränder erst, wenn das Ding verschwunden ist.
Er stand auf. Seine Knie schmerzten leicht. Die Steppe um ihn herum war unverändert, unberührt, still auf ihrer eigenen Vollständigkeit beharrend — eine Welt, die lange vor der Erinnerung hier gewesen war und lange nach dem Verschwinden der Idee von Namen noch bestehen würde. Dieser Gedanke verkleinerte ihn nicht. Er stabilisierte ihn, so wie kaltes Wasser ein Gesicht stabilisiert.
Er steckte den Kompass ein und ging zurück zum Auto. Die Nadel, das wusste er, zitterte noch immer darin, orientierte sich noch immer, verrichtete noch immer ihre geduldige Arbeit, im Dunkeln seiner Jackentasche Norden zu finden — treu einer Richtung, um die niemand sie gebeten hatte, schlicht weil Treue ihre Natur war.
Er fuhr durch die dunkler werdende Steppe nach Hause, die Scheinwerfer blass und ernsthaft auf der Straße vor ihm, und schaltete das Radio nicht ein.
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