Nächte die nicht enden
von Helga · 18. Juni 2026 · Biografie & Memoir
Islands Winternacht beginnt um drei Uhr nachmittags. Helga hat 35 Jahre Nachtschichten darin gemacht. Vertrautheit mit der Dunkelheit, nicht Komfort. Im ersten Winter nach der Rente bleibt sie zweimal die ganze Nacht auf — nur um sich zu erinnern.
In Island beginnt die Nacht im Winter gegen drei Uhr nachmittags und endet erst richtig um elf am nächsten Morgen. Ich sage richtig weil es im Januar eine Version von Tageslicht gibt die kein wirkliches Tageslicht ist — ein graues Ausdünnen der Dunkelheit für ein paar Stunden das der Körper aus Gewohnheit als Licht interpretiert, nicht aus Evidenz. Man lernt seinen Augen bei der Zeit nicht zu trauen.
Ich machte fünfunddreißig Jahre Nachtschichten in dieser Dunkelheit. Nicht jede Nacht — es gab Sommer, es gab helle Monate. Aber in meiner Erinnerung ist die Karriere Winter, die Korridore immer vom selben Neonlicht beleuchtet das außerhalb der Zeit existiert, und die Dunkelheit hinter den Krankenhausfenstern ist vollständig. Man entwickelt eine Beziehung dazu. Nicht genau Komfort. Vertrautheit. Die Dunkelheit hat in Island eine Textur die sie nicht überall hat. Dicht und voll, wie etwas das sehr lange dort war.
Ich ging im März in Rente. Den ersten Winter danach blieb ich zweimal die ganze Nacht auf, einfach um darin zu sein. Nicht aus einem Grund. Nur um mich zu erinnern.
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