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Ich habe nie auf den Feierabend gewartet

von Bernd_Kappenberg · 30. Oktober 2026 · Biografie & Memoir

Der Autor, geboren 1960 in Hilden, beschreibt seinen Weg von einem Lateinschüler mit Schwierigkeiten hin zum Sprachlehrer und Lehrbuchautor. Er entdeckte erst mit etwa zwanzig Jahren seine Begeisterung für Sprachen und entwickelte daraus eine Berufung, die ihm bis heute Freude bereitet. Das Besondere seiner Arbeit sieht er in den Momenten, in denen andere Menschen ihre eigenen Fähigkeiten entdecken.

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Ich habe nie auf den Feierabend gewartet!

"Über die Freiheit, seine Begabungen zu entdecken und irgendwann nicht mehr zwischen Arbeit und Leben unterscheiden zu müssen."

Ich wurde 1960 in Hilden bei Düsseldorf geboren. Meine Kindheit verbrachte ich größtenteils draußen. Am Bach, im Wald, auf dem Bolzplatz, beim Rudern auf dem Rhein oder beim Tennis. Wir hatten keine Handys, keine Computer und nur drei Fernsehprogramme. Dafür hatten wir Zeit. Und eine Freiheit, die uns damals ganz selbstverständlich erschien.

Wir mussten uns unsere Welt selbst erschließen. Wir erfanden Spiele, gingen auf Entdeckungsreise, probierten Dinge aus und vergaßen darüber die Zeit.

Vielleicht habe ich damals etwas erfahren, dessen Bedeutung mir erst viele Jahrzehnte später bewusst wurde: Wie schön es ist, ganz in dem aufzugehen, was man gerade tut.

Natürlich gab es auch die Schule.

Ich besuchte ein humanistisches Gymnasium in Düsseldorf-Benrath und begegnete dort einer Sprache, mit der ich zunächst überhaupt nicht zurechtkam: Latein.

Ich begriff die Grammatik nicht und dadurch war für mich alles mühsam und unverständlich. Lediglich durch fleißiges Vokabellernen konnte ich die 5 auf dem Zeugnis verhindern.

Dass ich eines Tages selbst Latein unterrichten und sogar zwei Lehrbücher darüber schreiben würde, hätte ich damals für unmöglich gehalten.

Aber das Leben hat manchmal eine bemerkenswerte Art, uns unsere eigenen Möglichkeiten erst sehr spät zu zeigen.

Mein Lehrer, Dr. Carl Vossen, erkannte mein sprachliches Talent lange bevor ich selbst etwas davon ahnte. Er sagte es sogar meinen Eltern. Ich selbst hatte damals ganz andere Dinge im Kopf.

Erst mit etwa zwanzig Jahren begann ich, meine Begeisterung für Sprachen wirklich zu entdecken. Eine Sprache führte zur nächsten, neue Begegnungen eröffneten neue Welten, und irgendwann stellte ich fest, dass ich mich mit elf Sprachen beschäftigte.

Was früher mühsam gewesen war, wurde plötzlich leicht. Nicht, weil die Schwierigkeiten verschwunden wären, sondern weil ich einen eigenen Zugang gefunden hatte.

Und aus dieser Entdeckung entwickelte sich allmählich eine Tätigkeit, die mich bis heute begeistert.

Ich begann, anderen Menschen Sprachen beizubringen.

Dabei entdeckte ich etwas, das mir noch wichtiger wurde als die Sprachen selbst: die Freude, die entsteht, wenn ein anderer Mensch plötzlich versteht, was ihm zuvor unbegreiflich erschien.

Wenn ein Kind, das sich für unbegabt hält, auf einmal erkennt, dass es sehr wohl begabt ist. Wenn ein Erwachsener seine Angst verliert, in einer fremden Sprache den Mund aufzumachen. Wenn aus Unsicherheit Selbstvertrauen wird.

Solche Augenblicke lassen sich kaum mit Geld aufwiegen.

Natürlich verdiene ich mit meiner Arbeit meinen Lebensunterhalt. Auch ich muss Rechnungen bezahlen, und selbstverständlich gibt es Tage, an denen nicht alles leichtfällt.

Doch irgendwann habe ich festgestellt, dass mir etwas fehlte wonach sich so viele Menschen täglich sehnen: der Wunsch nach Feierabend.

Ich musste nie darauf warten, dass meine Arbeit endlich vorbei ist, damit mein eigentliches Leben beginnen kann.

Mein Leben findet längst statt.

Und wenn ich spontan beschreiben soll, was ich dabei empfinde, dann fällt mir nur dieser Gedanke ein:

Ich gebe von Herzen und sehr viel – und bekomme von meinen Schülern so viel zurück, dass ich zwischen Freizeit und Arbeit gar nicht mehr unterscheiden kann und will.

Das ist für mich ein großes Stück Freiheit.

Nicht die Freiheit, nichts tun zu müssen. Sondern die Freiheit, etwas tun zu dürfen, das ich liebe.

Ich frage mich manchmal, wie viele Menschen mit Fähigkeiten durchs Leben gehen, die sie selbst noch gar nicht entdeckt haben.

Wie viele glauben, sie seien für etwas nicht geeignet, nur weil sie es einmal auf die falsche Weise versucht haben. Wie viele verbringen Jahre in einer Tätigkeit, die sie nicht erfüllt, weil sie irgendwann beschlossen haben, dass das Leben nun einmal so sei.

Dabei wissen wir oft gar nicht, was noch alles in uns steckt.

Ich wusste es mit sechzehn jedenfalls nicht.

Vielleicht müssen wir auch nicht immer wissen, wohin unser Weg führt. Vielleicht genügt es manchmal, neugierig zu bleiben, etwas auszuprobieren und darauf zu achten, was uns wirklich Freude bereitet.

Ich möchte niemandem raten, seinen Beruf aufzugeben oder sein bisheriges Leben über den Haufen zu werfen. Jeder Mensch hat seine Verpflichtungen, seine Geschichte und seine ganz eigenen Möglichkeiten.

Aber ich möchte eine Frage stellen:

"Was würdest du gerne tun, wenn du nicht ständig daran denken müsstest, ob es sich lohnt?"

Vielleicht ist die Antwort darauf wichtiger, als wir zunächst glauben.

Wenn ich heute an den Jungen zurückdenke, der am Bach spielte, im Wald herumstreifte und beim Spielen die Zeit vergaß, dann erkenne ich etwas wieder.

Heute ist es dieselbe Freude, dieselbe Neugier, dieselbe Lust am Entdecken.

Nur dass ich heute nicht mehr am Bach sitze, sondern einem Menschen gegenübersitze, der eine neue Sprache verstehen möchte.

Und manchmal, wenn ich sehe, wie in seinem Gesicht plötzlich etwas aufleuchtet, denke ich:

Eigentlich spiele ich immer noch.

Bernd Kappenberg

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