Herr Bernhardt
von Tobias · 18. Juni 2026 · Erzählungen & Kurzgeschichten
Herr Bernhardt, vierter Stock ohne Aufzug, bestellt Bücher. Im März: Tschechow, Sitzen obwohl 20 Pakete warten. Er erklärt Tschechows Gewehr und erzählt dann sein ganzes Leben danach. Das Gewehr: ein Friseurladen in Karl-Marx-Stadt, 1961, den sein Vater nicht aufmachen durfte. Tobias kam zu spät zurück. Es war trotzdem die richtige Entscheidung.
Herr Bernhardt wohnt im vierten Stock ohne Aufzug in der Scheffelstraße und bestellt regelmäßig Bücher. Meistens Geschichte, manchmal Krimis, einmal ein Buch über die Zucht von Kaninchen das ich für ihn die vier Stockwerke hochgetragen habe und über das wir zwanzig Minuten geredet haben obwohl ich keine Ahnung von Kaninchen habe.
Das Gespräch das vierzig Minuten dauerte war im März. Er hatte Tschechow bestellt, die Erzählungen, und er fragte ob ich Tschechow kenne und ich sagte ich kenne ihn vom Hören aber nicht wirklich, und er sagte dann setzen Sie sich kurz. Ich hätte eigentlich nicht sitzen sollen, ich hatte noch zwanzig Pakete. Ich setzte mich.
Er erklärte mir Tschechows Gewehr — wenn in der ersten Szene eine Waffe gezeigt wird muss sie in der dritten abgefeuert werden, das ist das Prinzip — und dann erzählte er mir sein ganzes Leben als wäre es eine Geschichte mit einem Gewehr im ersten Akt. Er ist achtzig. Das Gewehr in seiner Geschichte war ein Friseurladen in Karl-Marx-Stadt den sein Vater 1961 aufmachen wollte und dann nicht durfte. Ich kam zu spät zurück zum Depot. Es war trotzdem die richtige Entscheidung.
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