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5:12

von WernerK · 18. Juni 2026 · Biografie & Memoir

Seit der Pension wacht Werner täglich um 5:12 auf — drei Minuten vor dem alten Wecker. Er sitzt, schaut auf die Straße, trinkt kalten Kaffee. Eine kleine beobachtete Absurdität die in einen letzten Satz über Gerda mündet.

Seit dem 15. März 2018 wache ich jeden Morgen um fünf Uhr zwölf auf. Nicht um fünf, nicht um halb sechs, um fünf Uhr zwölf, ich habe das über mehrere Wochen hinweg kontrolliert, habe das Handy auf den Nachttisch gelegt und immer wenn ich aufgewacht bin nachgeschaut, und es war jedes Mal zwischen fünf Uhr zehn und fünf Uhr vierzehn, meistens genau zwölf. Mein Wecker hat früher um fünf Uhr fünfzehn geklingelt, dreißig Jahre lang, also kann der Körper anscheinend nicht nur die Uhrzeit merken aber auch ob es sinnvoll ist, drei Minuten früher ist er aufgewacht damit ich nicht erschrecke, so erkläre ich mir das jedenfalls.

Das Merkwürdige ist dass ich dann nicht müde bin. Ich stehe auf, gehe in die Küche, mache Kaffee, und sitze am Tisch und schaue auf die Straße. Um diese Zeit ist es still. Im Winter ist es noch dunkel, im Sommer schon hell, aber die Stille ist immer dieselbe, und ich habe gemerkt dass mir diese Stunde eigentlich gefällt, mehr als irgendeine andere Stunde des Tages. Was ich damit mache ist eine andere Frage. Meistens gar nichts. Manchmal schreibe ich, wie jetzt, aber das ist neu. Früher bin ich um Viertel nach fünf aus dem Haus gegangen, habe den Bus genommen, war um sechs im Depot. Jetzt sitze ich am Tisch und der Kaffee wird kalt weil ich vergesse ihn zu trinken. Gerda hätte das nicht verstanden. Sie ist immer bis acht Uhr geschlafen wenn sie konnte, und hat nie begriffen warum man früher aufsteht als man muss. Das habe ich ihr nie erklären können, das ist vielleicht das einzige wo wir wirklich verschieden waren.

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