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Was mein Vater mir nie beigebracht hat

von Tobias · 12. Juli 2026 · Familie & Generationen

Tobias, seit sieben Monaten Vater, bemerkt, wie tief die emotionalen Muster seines eigenen Vaters in ihm verwurzelt sind – eines Mannes, der in einer Nachkriegsfamilie aufgewachsen ist, in der Gefühle nicht gezeigt wurden. In einem konkreten Moment mit seiner Tochter beim Kinderarzt unterbricht er sich selbst beim Wiederholen alter Sätze und versucht bewusst, anders zu reagieren. Seither führt er ein inneres Inventar: Was sage ich wirklich, und was sagt mein Vater durch mich?

Tobias wurde vor sieben Monaten zum ersten Mal Vater und bemerkt seither etwas, das ihn mehr beschäftigt als der Schlafmangel: wie oft er in Momenten mit seiner Tochter automatisch nach einer Anleitung sucht, die sein eigener Vater ihm nie gegeben hat, weil dieser sie selbst nie bekommen hatte. Sein Vater, aufgewachsen in einer Nachkriegsfamilie in Dresden, in der Gefühle als etwas galten, das man nicht zeigt, sondern erträgt, konnte Tobias vieles beibringen — Werkzeug reparieren, Steuererklärungen ausfüllen, ein Auto warten — aber nie, wie man einem weinenden Kind sagt, dass seine Angst berechtigt ist.

Als seine Tochter kürzlich beim Kinderarzt vor der Spritze in Panik geriet, hörte Tobias sich selbst die Worte sagen, die sein Vater in ähnlichen Situationen benutzt hatte: Stell dich nicht so an. Er brach mitten im Satz ab, entsetzt über sich selbst, und kniete sich stattdessen hin, auf Augenhöhe, und sagte etwas, das er sich mühsam aus Büchern und Gesprächen mit seiner Frau zusammengesucht hatte: Ich weiß, das macht Angst. Ich bin hier. Es war kein natürlicher Satz für ihn. Er musste ihn sich bewusst zusammenbauen, wie ein Möbelstück nach einer Anleitung, die er nie im eigenen Elternhaus gesehen hatte.

Was ihn am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie viel von dem, was er seiner Tochter mitgibt, bewusste Entscheidung ist und wie viel einfach durchrutscht, unbemerkt, aus einer Generation, die selbst nie gelernt hat, anders zu sein. Er hat begonnen, kleine Notizen zu machen, nach schwierigen Momenten, nicht als Vorwurf an sich selbst, sondern als eine Art Inventar: Was habe ich gerade gesagt, und wollte ich das wirklich sagen, oder hat mein Vater es durch mich gesagt.

Ich bringe meiner Tochter nicht nur bei, wie man ein Fahrrad fährt, sagt Tobias. Ich versuche gleichzeitig, mir selbst etwas beizubringen, das mir nie beigebracht wurde. Das ist anstrengender, als jeder Ratgeber es beschreibt.

Intergenerationale WeitergabeEmotionale VerfügbarkeitVaterschaft und Selbstreflexion
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