Was die Warteliste mir beigebracht hat
von Helga · 12. Juli 2026 · Biografie & Memoir
Helga, eine Wiener Psychologin mit über zwei Jahrzehnten Berufserfahrung, beschreibt, wie sich die Wartezeiten in ihrer Beratungsstelle von zwei Wochen auf vier Monate verlängert haben. Sie beobachtet, dass allein das Stehen auf einer Warteliste manche Menschen durch Krisen trägt – ein Befund, den sie als erschreckend empfindet. Gegen die Dienstanweisung telefoniert sie in ihrer Mittagspause kurz mit Wartenden, um ihnen zu signalisieren, dass sie nicht vergessen wurden.
Helga arbeitet seit zweiundzwanzig Jahren als Psychologin in einer öffentlichen Beratungsstelle in Wien und trägt seit einigen Jahren eine Zahl mit sich herum, die sie nicht mehr loslässt: die Länge ihrer Warteliste. Als sie anfing, konnte ein Mensch in Krise innerhalb von zwei Wochen einen Termin bekommen. Heute sind es im Schnitt vier Monate, nicht weil weniger Personal da wäre, sondern weil die Nachfrage sich in einem Jahrzehnt vervielfacht hat, während die Stellen kaum gewachsen sind.
Was Helga daran am meisten verändert hat, ist nicht die Zahl selbst, sondern ein Muster, das sie in den Erstgesprächen bemerkt: Viele Menschen, die endlich einen Termin bekommen, sagen ihr, dass die reine Tatsache, auf einer Liste zu stehen, ihnen geholfen hat, durchzuhalten — dass allein zu wissen, irgendwann kommt jemand, ausreichte, um die schlimmsten Wochen zu überstehen. Das beunruhigt sie mehr, als es sie tröstet. Es zeigt ihr, wie wenig manche Menschen sonst haben, worauf sie sich verlassen können.
Sie hat begonnen, gegen die eigene Dienstanweisung, kurze Fünf-Minuten-Anrufe an Wartende zu machen, nicht als Therapie, sondern als das, was sie ein Lebenszeichen nennt. Ihre Vorgesetzten sehen das kritisch, weil es keine abrechenbare Leistung ist und die Kapazität weiter belastet. Helga macht es trotzdem, in ihrer Mittagspause, weil sie glaubt, dass ein System, das Menschen vier Monate warten lässt, ihnen wenigstens ein Zeichen schuldet, dass sie nicht vergessen wurden.
Die Warteliste hat mir beigebracht, dass Hilfe nicht nur aus der eigentlichen Behandlung besteht, sagt Helga. Manchmal ist die wichtigste Hilfe die Nachricht: Ich sehe Sie. Halten Sie durch. Es kommt jemand.
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