Der Mann, der denselben Stein zweimal zählte
von Youssef_B · 07. August 2026 · Spiritualität & Sinnsuche
Hamid, ein praktischer Mann mittleren Alters, hält nach elf Jahren nach einem bestimmten Stein in einer Mauer inne und erlebt einen unerwarteten Moment der inneren Erschütterung. Die Geschichte erkundet, wie ein scheinbar bedeutungsloser Augenblick das Verhältnis eines Menschen zu Staunen, Zeit und Spiritualität neu ordnen kann. Der Erzähler berichtet davon als stiller Zeuge, dessen Frage am Ende offen bleibt.
Es gibt einen Mann in unserer Nachbarschaft, der seit elf Jahren jeden Abend dieselbe Straße entlanggeht, und letzten Dienstag blieb er vor einem bestimmten Stein in der Mauer stehen — einem blassockerfarbenen Stein, der leicht über seine Nachbarn hinausragte, als hätte er jahrhundertelang langsam ausgeatmet — und sagte leise, zu niemandem: Das habe ich noch nie gesehen.
Er heißt Hamid. Er ist weder jung noch alt, was das gefährlichste Alter ist, das Alter, in dem ein Mann glaubt, er habe es hinter sich, überrascht zu werden.
Er stand lange dort. Die Katzen bewegten sich um seine Füße. Ein Junge auf einem Fahrrad wich ohne Verärgerung um ihn herum, so wie Wasser seine Form findet um alles, was der Fluss ihm entgegenstellt. Und Hamid betrachtete weiter den Stein, weil ihn etwas darin nicht loslassen wollte.
Er ist kein mystischer Mensch. Er verkauft Elektrobauteile in einem schmalen Laden nahe der Gerbereien. Er kann die Stromstärke eines Drahtes bestimmen, bevor er ihn berührt. Er vertraut dem, was sich messen lässt, was kein Fehler ist — es ist vielmehr eine Art Hingabe, ein Glaube daran, dass die Welt beständig genug ist, um erkannt zu werden. Doch der Stein brachte etwas in seiner Brust in Unordnung, das keine Zahl erreichen kann.
Er ging nach Hause und sagte seiner Frau nichts. Er aß zu Abend. Er sah eine Weile die Nachrichten, dann schaltete er früher ab als sonst. Er legte sich hin und fand die Decke auf eine Weise interessant, wie sie es seit seiner Kindheit nicht mehr gewesen war, als er die Risse nachzuverfolgen und ihnen Namen zu geben pflegte.
Am Morgen kehrte er zurück, bevor die Straße erwachte. Der Stein war da. Natürlich war er das. Aber er umkreiste ihn jetzt mit den Augen, so wie man ein Wort in einem Buch umkreist, das man zum zweiten Mal liest und nicht fassen kann, dass man es übersehen hat.
Wer hatte ihn gesetzt? Eine Hand, die jetzt Staub ist. Eine Hand, die den Stein in sein Mörtelbett gedrückt und ohne Feierlichkeit zum nächsten weitergegangen war, ohne sich zu fragen, ob jemand, tausend Jahre später, stehenbleiben und spüren würde, wie sich etwas in ihm neu ordnet.
Hamid ist kein Mann, der oft betet, obwohl er nicht sagen würde, dass er nicht betet. Es ist eher so, dass er das Gebet auf leichtem Abstand gehalten hat, so wie man eine Flamme von einem Vorhang fernhält — vorsichtig, ein wenig ängstlich davor, was Feuer fängt. Doch als er dort stand, löste sich etwas auf, das fest gewesen war, und etwas verfestigte sich, das nur Luft gewesen war.
Er kniete nicht nieder. Er weinte nicht. Er stand einfach im frühen Licht, während die Stadt hinter ihm ihr Lärmen begann, und verstand, ohne sagen zu können wie, dass er elf Jahre lang an einer Tür vorbeigegangen war.
Nicht einer Tür zu einem anderen Ort. Das ist der Irrtum, den die Menschen bei solchen Momenten begehen — sie erwarten einen Aufbruch, eine Offenbarung, eine Leiter, die von oben herabgelassen wird. Was Hamid empfand, glich eher einer Ankunft. Als wären die elf Jahre des Gehens die notwendige Vorbereitung für zehn Sekunden der Stille gewesen. Als hätte die Straße Geduld gehabt.
Er erzählte mir das letzte Woche, im Türrahmen seines Ladens stehend, langsam sprechend, so wie ein Mann spricht, wenn er noch nah an etwas ist, das er nicht verlieren möchte, indem er es zu rasch in Worte übersetzt.
Ich fragte ihn, was er glaube, was der Stein bedeute.
Er sah mich mit mildem Erstaunen an, so wie ein Mann jemanden ansieht, der eine leicht falsche Frage stellt.
Er bedeutet nichts, sagte er. Er ist.
Dann ging er hinein, um die Kasse aufzumachen, und ich stand einen Moment auf dem Gehsteig und lauschte der Straße, die tat, was Straßen tun — alle in verschiedene Richtungen zu tragen, vollkommen gleichgültig, vollkommen erfüllt von was auch immer es ist, das einen Mann zum Stehenbleiben bringt.
Ich ging den langen Weg nach Hause. Ich betrachtete die Mauern.
Ich schaue noch immer.
Diese Geschichte wurde mit Hilfe von KI erstellt.
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