FiresideEnglish

Post nach drüben

von Hannelore · 12. Juli 2026 · Historischer Roman

Die Geschichte erzählt von Frau Suhr, einer Postbotin in Lübeck, die nach dem Mauerbau 1961 trotz ausbleibender Post täglich an der Gartentür der Familie Reetz vorbeigeht, um deren Hoffnung auf Nachrichten aus Ost-Berlin am Leben zu erhalten. Durch riskante Umwege übermittelt sie schließlich eine Nachricht des Sohnes Matthias, die sie nur mündlich weitergibt, um alle Beteiligten zu schützen. Die Mutter stirbt 1985, ohne ihren Sohn wiedergesehen zu haben – er kehrt erst 1988 zurück.

Frau Suhr war 1961 schon zwanzig Jahre im Postdienst und trug die Post im Bezirk, in dem die Familie Reetz wohnte. Die Reetzens hatten einen Sohn in Ost-Berlin, Matthias, der jeden Monat schrieb, brav, formelhaft, weil er wusste, dass jemand mitlas. Am Morgen des 13. August kam kein Brief, weil an diesem Morgen niemand mehr wusste, ob es noch Post gab. Die Grenze war über Nacht geschlossen worden, mit Stacheldraht zuerst, mit Mauer später.

Frau Reetz stand jeden Tag um halb zehn an der Gartentür, weil das die Zeit war, zu der Frau Suhr sonst kam. Sie stand da im September, im Oktober. Frau Suhr, die wusste, dass keine Post mehr durchkam, hörte trotzdem nicht auf, an diesem Haus vorbeizugehen, jeden Tag, zur selben Zeit, mit leeren Händen, weil sie dachte: Wenn ich nicht komme, gibt sie die Hoffnung noch schneller auf.

Im November schrieb Frau Suhr selbst einen Brief. Nicht als Postbeamtin. Als Frau, die in der Nachbarschaft lebte. Sie schrieb an eine Kollegin in West-Berlin, die wiederum über den Interzonenverkehr, über Umwege, über drei Städte, die Nachricht weitergab: dass es der Familie Reetz gutgehe, dass die Mutter jeden Tag an der Tür stehe. Es dauerte vier Monate, bis eine Antwort zurückkam, ebenso vielfach umgeleitet, in einem Umschlag ohne Absender, nur mit den Worten: „Ich lebe. Ich warte auch."

Frau Suhr hat diesen Brief nie den Reetzens gegeben, sondern nur mündlich, Wort für Wort, an der Gartentür wiederholt, weil ein Brief, der so oft die Hand gewechselt hatte, gefährlich für alle Beteiligten gewesen wäre, wenn er gefunden würde. Frau Reetz hat vier Jahre lang jeden Tag an der Tür gestanden, bis sie zu krank wurde. Matthias Reetz kam erst 1988 nach Lübeck, drei Jahre nach dem Tod seiner Mutter.

Frau Suhr ging 1979 in Rente, nach achtunddreißig Dienstjahren. Die Gartentür der Reetzens hat inzwischen andere Besitzer, ein junges Paar, das nichts von 1961 weiß. Nur die Route selbst ist geblieben, Straße für Straße dieselbe, mit einer neuen Trägerin, die nicht ahnt, wie viele Sätze auf diesem Weg schon gesprochen wurden, die nie in einem Brief standen.

Trennung und Teilungstille MenschlichkeitHoffnung angesichts des VerlustsErinnerung und VergessenPflicht und Mitgefühl
Auf Fireside öffnen

In der App lesen, eine Resonanz hinterlassen, mehr Geschichten entdecken.

Mehr Geschichten auf Fireside