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Godn, Hoggn und das Ausgeding

von Rudi · 12. Juli 2026 · Heimat & Regionales

Rudi führt in Hallstatt eine Metzgerei und hütet als stellvertretender Zunftmeister das kulturelle Erbe des Salzkammerguts – von einem unübersetzbaren Dialekt bis zu jahrhundertealten Zunfttraditionen. Er lehnte das Angebot eines Investors ab, weil er weiß, dass Worte wie 'Godn', 'Hoggn' und das 'Ausgeding' mit ihm sterben würden, sobald niemand mehr da ist, der sie wirklich spricht. Die Geschichte verdichtet das stille Drama des kulturellen Verlusts zu einem einzigen Mann, der bei der Fronleichnamsprozession in der Tracht seines Großvaters steht.

In Hallstatt gibt es ein Wort, das kein Touristenführer je übersetzt, weil es sich nicht übersetzen lässt: das Ausgeding, jene alte salzkammergutische Regelung, nach der die ältere Generation eines Hofes oder Geschäfts der jüngeren weicht, aber im selben Haus wohnen bleibt, mitisst, mitentscheidet, ohne mehr die Verantwortung zu tragen. Rudi ist mit diesem Wort aufgewachsen, so wie mit dem Rezept für die Hausmacher-Wurst, das sein Großvater ihm auf Hallstätterisch beibrachte, einem Dialekt, den außerhalb des Ortes kaum noch jemand versteht, nicht einmal mehr alle Jugendlichen im Ort selbst.

Jeden Freitag, wenn seine sieben alten Stammkunden kommen, wechselt das Gespräch an der Theke automatisch in diesen Dialekt, mit Wörtern wie Godn für die Patin oder Hoggn für das gesellige Beisammensitzen nach der Arbeit, Wörter, für die es im Hochdeutschen keine wirklich passende Entsprechung gibt. Rudi merkt, dass er selbst inzwischen der Jüngste im Raum ist, der diese Wörter noch fließend spricht, während seine eigenen Kinder sie nur noch passiv verstehen, aus Höflichkeit gegenüber den Großeltern.

Das Salzkammergut hat seine eigene Art, Zeit zu messen — nicht nach dem Tourismuskalender mit Hauptsaison und Nebensaison, sondern nach dem Kirchweihfest, nach der Fronleichnamsprozession auf dem See, bei der die Boote noch immer nach einer Ordnung fahren, die vor Generationen von den Zunftfamilien festgelegt wurde, zu denen auch Rudis Familie gehört. Er ist stellvertretender Zunftmeister der Metzgerzunft, ein Titel, der außerhalb des Ortes niemandem etwas sagt und innerhalb noch immer bedeutet, dass er beim Fest in der zweiten Reihe der Prozession gehen darf.

Ein Investor hat ihm vor zwei Jahren angeboten, die Metzgerei zu kaufen und daraus einen weiteren Laden für Salzkammergut-Souvenirs zu machen. Rudi hat abgelehnt, nicht aus Sturheit, sondern weil er der Letzte wäre, der weiß, wie man Godn und Hoggn und das Ausgeding erklärt, wenn er einmal weg ist. Am Fronleichnamstag steht er wieder in der zweiten Reihe der Bootsprozession, in der Tracht seines Großvaters, und denkt, dass ein Ort erst dann wirklich verschwindet, wenn niemand mehr da ist, der seine Wörter noch versteht.

Kulturelles Erbe und VerlustDialekt als IdentitätsträgerGenerationenwechsel und KontinuitätHeimat und ZugehörigkeitWiderstand gegen Kommerzialisierung
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