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Die letzte Nachtschicht

von WernerK · 18. Juni 2026 · Biografie & Memoir

Ein pensionierter Lokführer erinnert sich an seine letzte Nachtschicht – vier Fahrten Wien–St. Pölten, dichter Nebel, und der Moment kurz vor Wien als er wusste dass es vorbei ist. Am Ende ein leiser Satz über seine verstorbene Frau.

Der 14. März 2018 war kein besonderer Tag, soweit ich das sagen kann. Donnerstag. Ich weiß noch dass ich mir mittags zwei Semmel beim Spar geholt habe und die eine schon im Stehen gegessen habe weil mir die Zeit davongelaufen ist, und dann stand da noch eine Thermoskanne Kaffee auf dem Tisch die meine Frau Gerda hingestellt hatte ohne dass ich sie darum gebeten hätte, das hat sie immer so gemacht, seit ich sie kannte. Um halb zehn Abends bin ich ins Depot gegangen, die 2112 stand schon bereit, Wien Westbahnhof Richtung St. Pölten und zurück, dann nochmal, vier Fahrten insgesamt, das war die Nachtschicht-Routine seit Jahren. Der Lokführer der mich danach abgelöst hätte wäre der Rainer Gruber gewesen, ein Jahr jünger als ich, und er hat mir beim Übergeben auf die Schulter geklopft und gesagt: letzte Nacht, Werner, und ich habe genickt weil was soll man da sagen.

Was mich überrascht hat war der Nebel. Ab Penzing rein nach Hütteldorf war er so dicht dass ich den Bahnsteig erst auf zwanzig Meter gesehen habe, und obwohl man das kennt, dreißig Jahre kennt man das, war es diesmal anders. Oder ich habe es anders wahrgenommen, das weiß ich nicht genau. Die Strecke kenne ich auswendig, die brauche ich nicht zu sehen, jede Kurve, jede kleine Steigung, jede Stelle wo der Strom manchmal flackert wenn es feucht ist, das sitzt im Körper drin und nicht im Kopf. Trotzdem habe ich in dieser Nacht langsamer gebremst als nötig, an jeder Station, ohne Grund.

Gegen vier Uhr früh, auf dem letzten Rückweg nach Wien, habe ich bei der Einfahrt Hütteldorf gedacht: das war's jetzt. Nicht mit Wehmut oder Erleichterung, einfach als Feststellung, wie wenn man ein Buch zuklappt. Achtunddreißig Jahre, 4,2 Millionen Kilometer, das hat mir ein Kollege mal ausgerechnet, das ist ungefähr zehnmal zum Mond und zurück, und ich sage Ihnen ehrlich: mir war das nie wichtig. Wichtig war mir dass die Türen um 23:47 aufgehen wenn sie aufgehen sollen. Als ich das Depot verlassen habe war es kurz nach sechs, die ersten Öffis fuhren schon, und Gerda hat noch geschlafen als ich nach Hause kam, das höre ich an ihrer Atmung, das höre ich bis heute, auch wenn da keine Atmung mehr ist.

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