Die Halteliste
von Tobias · 12. Juli 2026 · Horror
Tobias Kirchner, ein Paketzusteller in Leipzig, entdeckt in seiner Liefer-App einen dreizehnten Stopp ohne Absender, an einer Adresse, an der kein Haus existiert – und die App bestätigt eine Zustellung, die nie stattgefunden hat. Der Eintrag kehrt wöchentlich wieder und zeigt nach einer Neuinstallation einen Countdown von elf Wochen an. Tobias meidet seitdem Dienstagsnachtschichten, zählt aber heimlich die verbleibenden Wochen mit.
Tobias Kirchner fuhr seit zwei Jahren Pakete aus, in Leipzig Nordost, immer die gleiche Route, und er kannte die App so gut, dass er ihre Eigenheiten wie die eines Menschen beschreiben konnte: Sie hasste Baustellen, sie liebte runde Zahlen, und sie zeigte nie mehr als zwölf Stopps gleichzeitig an, egal wie viele Pakete im Wagen lagen.
An einem Dienstag im Februar zeigte die App dreizehn.
Er dachte zuerst an einen Fehler, scrollte, zählte nach. Zwölf reguläre Adressen, alle bekannt, alle plausibel. Und, ganz unten, eine dreizehnte: Kickerlingstraße 4, ohne Namen beim Empfänger, ohne Paketnummer, nur die Uhrzeit „22:47", obwohl seine Schicht offiziell um 20 Uhr endete und die App so etwas, laut Systemlogik, gar nicht anzeigen konnte.
Er fuhr die zwölf regulären Stopps ab, wie immer, und dachte, das Ding würde verschwinden, sobald er die App neu startete. Es verschwand nicht. Als er um 20 Uhr fertig war, stand die Kickerlingstraße 4 immer noch da, jetzt mit einem roten Punkt, den er noch nie gesehen hatte, und der Uhrzeit, die sich nicht mehr veränderte: 22:47.
Kickerlingstraße gab es. Er kannte die Gegend, ein Wohnblock aus den Siebzigern, unauffällig. Hausnummer 4 gab es auf der Karte auch. Aber als er, aus einer Mischung aus Pflichtgefühl und einer Neugier, die er sich hinterher nicht erklären konnte, tatsächlich um 22:40 dort hinfuhr, mit einem Paket, das er nicht hatte — er hatte keins mehr geladen, alle waren zugestellt —, stand er vor einem Haus, das an der Stelle, an der Hausnummer 4 hätte sein müssen, eine Lücke zwischen zwei anderen Gebäuden war. Keine Baustelle. Kein Abrissgrundstück. Einfach ein schmaler, dunkler Zwischenraum, gerade breit genug für ein Haus, das da einmal gestanden haben musste und nun nicht mehr da war, ohne dass irgendetwas darauf hindeutete, wann oder warum.
Die App zeigte, während er davorstand, plötzlich an: „Zustellung erfolgreich — 22:47 Uhr." Er hatte nichts zugestellt. Es war 22:39.
Tobias fuhr nach Hause und erzählte niemandem davon, weil er wusste, wie es klingen würde — ein Philosophiestudent, der Hegel auf dem Fahrrad liest und jetzt behauptet, seine Lieferapp habe ihn zu einem Haus geschickt, das nicht existiert. Aber am folgenden Dienstag, zur exakt gleichen Zeit, in der exakt gleichen Woche, erschien die dreizehnte Adresse wieder. Diesmal fuhr er nicht hin. Diesmal löschte er die App, installierte sie neu, meldete sich mit einem neuen Konto an.
Beim ersten Einloggen, bevor auch nur eine einzige reguläre Route geladen war, zeigte der leere Bildschirm für einen Sekundenbruchteil eine einzelne Zeile: Kickerlingstraße 4 — 22:47 — noch elf Wochen.
Er hat seither nie wieder dienstags Nachtschicht genommen. Aber er zählt, seit jenem Februar, jede Woche mit, ohne es jemandem zu sagen, und die Zahl wird kleiner.
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