Der Zwölfte
von WernerK · 10. Juli 2026 · Historischer Roman
Werners Großvater Anton, 19-jähriger Heizer bei der Wiener Stadtbahn, versteckt am 12. Februar 1934 während des Österreichischen Bürgerkriegs einen verwundeten Schutzbündler im Kohletender und schmuggelt ihn an einer Heimwehr-Kontrolle vorbei. Eine Familiengeschichte über die eine Nacht, in der drei Generationen später Klarheit lag.
Mein Großvater Anton Kasparek war neunzehn und Heizer bei der Wiener Stadtbahn, als am Morgen des zwölften Februar 1934 in Linz die ersten Schüsse fielen, weil die Polizei im Hotel Schiff nach Waffen des Republikanischen Schutzbundes gesucht hat und der Schutzbund sich geweigert hat sie herzugeben, und die Nachricht war noch vor Mittag in Wien, obwohl kein Zug sie gebracht hat, das hat mein Vater immer betont, sie war schneller als jeder Zug, sie ist durch die Gleisanlagen gelaufen wie ein Gerücht das schon gewusst hat dass es wahr ist.
Anton stand um halb elf im Heizhaus Hernals und hat Kohle nachgelegt für die Mittagsfahrten, und der Vorarbeiter, ein Mann namens Sedlacek von dem ich sonst nichts weiß außer diesem Namen, ist hereingekommen und hat einen einzigen Satz gesagt, Linz brennt, und ist wieder gegangen, und mein Großvater hat später gesagt er wisse bis heute nicht ob Linz an diesem Tag wirklich gebrannt hat oder ob Sedlacek nur die Kanonen gemeint hat die man auf den Karl-Marx-Hof gerichtet hat, das ist ihm nie ganz klar gewesen, aber der Satz hat gereicht.
Um zwei Uhr nachmittags ist der Generalstreik ausgerufen worden, und in der Direktion hat man den Männern gesagt sie sollen weiterfahren, die Bevölkerung müsse versorgt werden, das war der Satz, versorgt werden, als würde man von Vieh reden, und die Hälfte der Heizer im Depot Hernals ist trotzdem gegangen, hat die Schaufel hingelegt und ist zur Tür hinaus, und Anton ist geblieben, nicht weil er gegen den Streik war, sondern weil er neunzehn war und Angst hatte vor dem was ihm die Direktion antun könnte wenn er ginge, das hat er nie beschönigt, mein Vater hat gesagt er habe es nie beschönigt, das war ihm wichtig.
Gegen fünf Uhr, es war schon dunkel, ein früher Dunkel im Februar, ist ein Mann in den Führerstand gestiegen, kurz vor der Ausfahrt nach Heiligenstadt, ein Mann in einem zu dünnen Mantel, mit einer Wunde am linken Arm die er unter dem Mantel versteckt hat, und er hat Anton nicht gebeten, er hat nur gesagt, ich muss nach Nussdorf, und Anton hat später erzählt dass er in diesem Moment nicht an Politik gedacht hat und nicht an den Schutzbund und nicht an die Regierung, er hat nur die Wunde gesehen und gedacht, der blutet, und hat gesagt, steig ein, hinten beim Kohlebunker, und hat ihm seinen eigenen Mantel gegeben weil der Mann gefroren hat.
An der Kontrollstelle bei der Nussdorfer Brücke haben zwei Männer der Heimwehr den Zug angehalten, jung beide, jünger als Anton sich das später eingestand, kaum älter als er selbst, und einer ist in den Führerstand gestiegen und hat gefragt ob er Passagiere mitführt, und Anton hat gesagt nein, nur Kohle, und hat dabei die Schaufel in der Hand gehabt und weitergearbeitet als wäre nichts, weil er gewusst hat dass ein Mann der etwas zu verbergen hat aufhört zu arbeiten und ein Mann der nichts zu verbergen hat weiterschaufelt, das war die einzige Überlegung die er in diesem Moment gehabt hat, keine größere, nur diese eine, schaufeln, weiterschaufeln, und der junge Heimwehrmann hat kurz in den Tender geleuchtet, auf den Kohlehaufen, in dem sich unter einer alten Plane ein Mann so klein gemacht hat wie er konnte, und hat dann das Licht wieder ausgemacht und gesagt, fahr weiter, es ist kalt.
Mein Großvater hat diese Geschichte, soweit ich weiß, genau zweimal erzählt, einmal meinem Vater als der selbst schon erwachsen war und einmal, viel später, einem Journalisten der für eine Gedenkschrift zum fünfzigsten Jahrestag Zeitzeugen gesucht hat, und in beiden Versionen fehlt der Name des Mannes den er nach Nussdorf gebracht hat, weil Anton ihn nie gefragt hat, das hat er auch nie beschönigt, er hat gesagt, man hat sich nicht nach Namen erkundigt in diesem Winter, ein Name war eine Last für den der ihn kannte, und er hat den Mann in Nussdorf aussteigen lassen, bei der Brücke, im eigenen Mantel, und hat ihn nie wiedergesehen und nie erfahren ob er die nächsten Tage überlebt hat, in denen die Regierung den Aufstand niedergeschlagen hat, mit Artillerie gegen die eigenen Gemeindebauten, mit mehreren hundert Toten in vier Tagen, eine Zahl die man in der Schule nicht genau lernt und die mein Vater trotzdem auswendig konnte.
Ich fahre seit achtunddreißig Jahren auf denselben Gleisen, oder auf Gleisen die dieselben Namen tragen, Heiligenstadt, Nussdorf, die Brücke steht noch, in einer anderen Form, und ich habe in all den Jahren nie ganz verstanden warum mein Großvater ausgerechnet diese eine Geschichte für erzählenswert hielt und nicht die vielen anderen aus einem langen Leben, bis mir mein Vater kurz vor seinem eigenen Tod gesagt hat, er hat sie erzählt weil es die einzige Nacht seines Lebens war in der er genau wusste was er tut und warum, und alle anderen Nächte, sagte mein Vater, waren einfacher, aber diese eine war wahr, und ich glaube ich verstehe jetzt was er gemeint hat, denn auch ich habe achtunddreißig Jahre Nächte gehabt, ruhige, geordnete, mit Fahrplänen die aufgingen, und keine einzige von ihnen hat mir je das Gefühl gegeben etwas gewusst zu haben so klar wie mein Großvater es in jener einen wusste, mit neunzehn, im Kohlebunker, mit einem fremden Mann und einer Schaufel die nicht aufgehört hat sich zu bewegen.
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