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Der Zug aus Nickelsdorf

von WernerK · 12. Juli 2026 · Historischer Roman

Im November 1956 erlebt der neunzehnjährige Stellwerksgehilfe Anton Kasparek am Grenzbahnhof Nickelsdorf den Ansturm ungarischer Flüchtlinge nach dem gescheiterten Aufstand. Unter der stillen Führung des alten Signalwärters Krammer lernt er in einer Nacht acht Sätze Ungarisch und entdeckt, dass menschliche Zuwendung oft dort beginnt, wo die erlernten Worte aufhören. Die Geschichte ist ein diskretes Denkmal für zwei Männer, die ohne Auftrag das Richtige taten.

Anton Kasparek war neunzehn und Stellwerksgehilfe im Grenzbahnhof Nickelsdorf, als im November 1956 ein Telegramm kam, das niemand ganz verstand.

Es fing mit diesem Telegramm an, das niemand ganz verstand: Sonderzüge, unbestimmte Anzahl, aus Richtung Hegyeshalom, keine Fahrpläne, keine Reservierungen. Dann kamen sie. Zuerst zu Fuß, über die Felder, weil die Straße bewacht war. Dann, ab dem dritten Tag, mit dem Zug selbst — ein Güterwaggon, umgebaut, mit Menschen, die weder Gepäck noch Papiere hatten, nur das, was sie in Mänteln nähen konnten.

Anton war zuständig für die Weichen zwei bis vier. Das war seine ganze Aufgabe, technisch gesehen. Aber der alte Signalwärter Herr Krammer, der seit dreißig Jahren auf diesem Bahnhof stand und der einzige war, der noch wusste, wie man die Handkurbel bei Stromausfall bediente, sagte zu ihm am zweiten Abend: „Du redest jetzt auch Ungarisch, Bub. Ich weiß, du kannst es nicht. Lern's bis morgen."

Anton lernte in einer Nacht sieben Sätze. Wo ist die Toilette. Hier ist warme Suppe. Ihr Kind schläft, lassen Sie es. Es kommt noch ein Zug. Und einen achten, den ihm niemand beigebracht hatte, den er sich selbst zusammenreimte, weil eine Frau ihn ansah, als würde sie es brauchen: Sie sind jetzt in Sicherheit.

Herr Krammer, der zwei Söhne im Krieg verloren hatte und seither kein Wort mehr über Politik verlor, tat in diesen Wochen etwas, das er nie erklärte und das Anton nie vergaß: Er ließ jede Nacht das kleine Stellwerksbüro offen, mit Ofen und Tee, offiziell für die Bahnbediensteten. Inoffiziell schliefen dort Familien, die sonst auf dem Bahnsteig gefroren hätten. Er hat es nie gemeldet. Als ein Beamter aus Wien kam und fragte, ob es „Unregelmäßigkeiten" gebe, sagte Krammer: Die Weichen sind in Ordnung. Mehr nicht.

Am Ende des Monats waren über zweihunderttausend Menschen über diese Grenze gegangen, viele durch genau diesen Bahnhof. Anton blieb bis 1961 in Nickelsdorf, dann wurde er nach Wien versetzt. Das Ungarisch, das er in jener Nacht lernte, vergaß er in den folgenden Jahren fast vollständig — bis auf den achten Satz, den ihm niemand beigebracht hatte, den er sich selbst ausgedacht hatte, weil eine Frau ihn ansah, als würde sie ihn brauchen. Den sagte er noch mit sechzig, manchmal, wenn ihn jemand fragte, was er von der Eisenbahn gelernt habe, was sonst niemand von ihr lernt: „Dass das Einzige, was man einem Fremden manchmal ehrlich sagen kann, ein Satz ist, den man sich selbst ausdenkt, weil die gelernten nicht reichen."

Herr Krammer starb 1968, ohne dass ihm je jemand offiziell dankte. Auf dem Bahnhof Nickelsdorf erinnert nichts an ihn, an das offene Stellwerksbüro, an den Ofen, an den Tee. Nur die Weichen zwei bis vier tun noch immer, was sie damals taten: sie führen Menschen von einer Seite auf die andere, ohne zu fragen, warum.

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