Der Zaun
von Thomas · 02. August 2026 · Biografie & Memoir
Ein Bauer erneuert im Herbst einen dreihundert Meter langen Zaun, den sein Vater 1989 – im Jahr seiner Geburt – gesetzt hatte. Die körperliche Arbeit wird zum stillen Nachdenken über Generationen, Übergabe und Verantwortung. Der Text endet mitten im Satz, als wollte er zeigen, dass manche Gedanken sich nicht vollständig aussprechen lassen.
Ich habe letzten Herbst den Zaun am Südfeld neu gemacht. Dreihundert Meter. Pfosten raus, Pfosten rein, Draht spannen. Drei Tage Arbeit, wenn man es alleine macht.
Mein Vater hat diesen Zaun 1989 gesetzt. Ich weiß das, weil er es mir gesagt hat. Einmal. Vor ungefähr zwanzig Jahren, als ich ihm dabei half, einen Pfosten zu richten, der schief geworden war. Er sagte: Den hab ich gesetzt im Jahr als du geboren wurdest. Dann war das Thema erledigt.
Ich habe also im Oktober den ersten Pfosten rausgezogen und gedacht: Das ist jetzt vorbei.
Das klingt nach nichts. Aber es hat sich komisch angefühlt.
Ein Pfosten ist kein Erbstück. Ein Pfosten ist ein Pfosten. Er war verrottet, der Draht rostig, an zwei Stellen hatte das Weidevieh durchgedrückt. Der Zaun musste neu. Das war keine Entscheidung, das war eine Tatsache.
Trotzdem bin ich am ersten Tag nach zwei Stunden ins Haus gegangen und habe Kaffee getrunken, obwohl ich keinen wollte. Meine Frau hat mich angeschaut. Sie fragt nicht mehr viel, sie schaut nur. Das reicht meistens.
Ich hab gesagt: Ich mach gleich weiter.
Sie hat genickt.
Das Problem ist folgendes. Wenn du einen Hof übernimmst, übernimmst du die Gebäude, die Tiere, die Maschinen, die Schulden. Das steht alles in den Papieren. Was nicht drinsteht: du übernimmst auch die Art wie dein Vater einen Nagel einschlägt. Die Stellen wo er gespart hat und die Stellen wo er nicht gespart hat. Die Entscheidungen die er vor dreißig Jahren getroffen hat und die du jetzt abreißt oder weiterbaust oder irgendwie einordnen musst.
Der Zaun war seine Entscheidung gewesen. Holzpfosten, kein Metall. Damals billiger. Er hat das so gemacht und es hat dreißig Jahre gehalten, also war es keine schlechte Entscheidung. Ich mache es jetzt mit Metallpfosten. Die halten länger, kosten mehr, aber ich will es nicht noch einmal machen müssen.
Mein Vater hat es nicht kommentiert. Er schaut manchmal rüber, wenn er am Hof vorbeigeht. Er sagt nichts. Das ist seit der Übergabe so. Ich weiß nicht ob er nickt oder ob ich mir das einbilde.
Am zweiten Tag hat mir mein Sohn geholfen. Er ist sieben. Er kann noch keinen Pfosten einschlagen, aber er kann den Draht halten und er tut es ernsthaft. Er fragt nicht ob er darf. Er kommt einfach und packt an. Das hat er nicht von mir gelernt, glaube ich. Oder doch. Ich weiß es nicht.
Ich habe ihn angeschaut und gedacht: In dreißig Jahren reißt du das hier vielleicht raus.
Ich hab es nicht gesagt.
Das wäre so ein Satz der sich gut anhört aber nichts nützt. Er ist sieben. Er hält den Draht.
Am dritten Tag war ich fertig. Ich bin einmal abgegangen, dreihundert Meter, und habe die Pfosten angeschaut. Gerade. Abstand stimmt. Draht sitzt.
Ich habe nicht gedacht: Gut gemacht. Ich habe gedacht: Hält.
Dann habe ich das Werkzeug eingeräumt und bin rein.
Meine Frau hat gefragt wie es war. Ich habe gesagt: Fertig.
Sie hat mich wieder angeschaut mit diesem Schauen.
Ich hab dann doch noch was gesagt. Ich hab gesagt: Es ist komisch, Sachen wegzumachen die er gebaut hat. Auch wenn sie hin sind.
Sie hat gesagt: Ja.
Kein Rat. Kein Aber-du-musst-ja. Nur: Ja. Manchmal ist das genau richtig.
Mein Vater hat den Hof aufgebaut in einer Zeit als ich noch nicht da war. Er hat Zäune gesetzt, Ställe gebaut, Entscheidungen getroffen die ich jetzt lebe. Ich werde das nie vollständig kennen. Es gibt keine Liste davon.
Ich mache jetzt meine Sachen. Manche besser, manche anders, manche wahrscheinlich schlechter. Das wird man in dreißig Jahren sehen.
Der neue Zaun steht. Er ist nicht schön. Er hält.
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