Der Kunde nach Mitternacht
von Magdalena · 12. Juli 2026 · Horror
Magdalena Nowak, eine Apothekerin in Krakau, wird monatlich von einem rätselhaften Mann heimgesucht, der nach einem nicht existierenden Medikament fragt und keinerlei Schatten wirft noch im Spiegel erscheint. Als sie ihn nach dem wahren Grund seines Besuchs fragt, offenbart er, dass er etwas sucht, das das bereits Angehaltene zum Stillstand bringt. Am Morgen danach entdeckt sie im Inventarbuch von 1943 eine neue Zeile in ihrer eigenen Handschrift, obwohl sie nichts geschrieben hat.
Magdalena Nowak übernahm einmal im Monat die Nachtapotheke in der Krakauer Altstadt, eine Pflicht, die reihum ging und die sie nie besonders störte, bis ein Mann Anfang Vierzig anfing, jeden Monat, in derselben Nacht, kurz nach Mitternacht, zu erscheinen und stets dasselbe zu verlangen: ein Medikament namens „Nembutol forte", das, wie Magdalena beim ersten Mal höflich erklärte, in keiner Datenbank existierte, unter keinem Namen, in keinem Land.
Er reagierte nicht ungehalten. Er nickte nur, bedankte sich, ging. Sie dachte, das wäre das Ende der Geschichte. Aber im folgenden Monat, zur exakt gleichen Uhrzeit, war er wieder da, fragte nach demselben Medikament, mit derselben Formulierung, Wort für Wort, als hätte er die erste Begegnung nie gehabt.
Beim dritten Mal bemerkte Magdalena etwas, das sie sich zunächst nicht eingestand: Er sah, obwohl ein weiterer Monat vergangen war, nicht älter aus. Nicht jünger. Genau gleich — dieselbe leichte Rötung an der linken Wange, derselbe minimal ungleichmäßige Bartwuchs, dieselbe Uhr an seinem Handgelenk, die, wie sie beim vierten Mal aus der Nähe sah, stehengeblieben war, auf 00:12, obwohl es jedes Mal, wenn er kam, exakt 00:12 zu sein schien, ganz gleich, wann sie selbst auf die eigene Uhr sah.
Sie bemerkte auch, was sie noch länger zu verdrängen versuchte: Die automatische Tür, die jeden anderen Kunden mit einem Klingeln ankündigte, reagierte nie auf ihn. Er war einfach da, plötzlich, im Gang zwischen den Regalen, ohne dass sie ihn hätte kommen sehen, und der Sicherheitsspiegel über der Kasse, der jeden Winkel des Raums zeigte, zeigte in seiner Ecke, wenn er dort stand, nur die leeren Regale dahinter. Die Temperatur im Raum fiel jedes Mal, wenn er da war, um mehrere Grad, ausreichend, dass sie im Sommer eine Strickjacke griff, ohne sich zu fragen, warum sie das eigentlich tat.
Sie begann, in der Kammer für Rezepturen, einem Raum, in dem die Apotheke seit den 1920er-Jahren ununterbrochen betrieben wurde, in alten Bestandsbüchern nachzusehen, ob „Nembutol forte" jemals existiert hatte. Sie fand nichts unter diesem Namen. Aber sie fand, in einem Buch aus dem Jahr 1943, einen Eintrag über einen Kunden, beschrieben mit exakt denselben Worten, die sie selbst benutzt hätte: leichte Rötung linke Wange, ungleichmäßiger Bart, fragt nach nicht existierendem Präparat, „Nembutal", erscheint monatlich, immer nach Mitternacht. Der Eintrag endete mit einer Notiz der damaligen Apothekerin, in einer Handschrift, die zunehmend unruhiger wurde: „Ich glaube, er sucht ein Mittel für etwas, das er sich nicht erlaubt zu benennen. Ich werde ihm nächstes Mal etwas geben, das hilft, auch wenn es nicht das ist, wonach er fragt."
Im folgenden Eintrag, einen Monat später, stand nur ein einziger Satz: „Er kam nicht."
Magdalena, die sich zwischen Vorsicht und Mitgefühl entscheiden musste, tat beim nächsten Erscheinen des Mannes etwas, das gegen jede Vorschrift verstieß: Sie gab ihm kein Medikament, sondern ein Glas Wasser und die Frage, die vielleicht seit 1943 niemand ihm gestellt hatte: „Wonach genau suchen Sie eigentlich, wenn Sie 'Nembutol forte' sagen?"
Der Mann sah sie zum ersten Mal wirklich an, nicht durch sie hindurch. Aus der Nähe, zum ersten Mal wirklich nah, sah Magdalena, dass seine Augen keine Pupillen hatten, die sich veränderten, wenn das Licht wechselte — sie blieben starr, wie aufgemalt, während er sprach: „Nach etwas, das aufhören lässt, was schon aufgehört hat." Seine Stimme kam nicht ganz synchron mit der Bewegung seines Mundes, eine Winzigkeit zu spät, wie bei einem schlecht übersetzten Film. Sie hörte sich selbst fragen, gegen ihren eigenen Willen: „Was genau ist an Ihnen schon aufgehört?" Er antwortete nicht mehr. Er drehte sich einfach um, und für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er hinter dem Regal verschwand, hatte er, von hinten gesehen, keinen Schatten auf dem Boden, obwohl die Neonröhre direkt über ihm brannte.
Magdalena verriegelte an diesem Morgen zum ersten Mal in fünf Jahren die Apotheke von innen, bevor ihre Ablösung kam, und wartete, das Licht an, bis es hell wurde. Als sie später das alte Bestandsbuch aus der Schublade holte, um den Eintrag von 1943 zu fotokopieren, stand unter der letzten Zeile der damaligen Apothekerin — „Er kam nicht." — eine weitere Zeile, mit blauer Tinte, in einer Handschrift, die ihrer eigenen zum Verwechseln ähnlich sah, obwohl sie das Buch am Vortag mit Sicherheit ohne diese Zeile gesehen hatte: „Er kam zu mir. Ich habe ihm Wasser gegeben. Er hat mich angesehen, ohne zu blinzeln, die ganze Zeit." Ihre Hände zitterten, als sie die Kopie machte. Sie hat seither jeden Morgen, bevor sie überhaupt die Kasse öffnet, als Erstes das Buch geprüft — aus Angst, nicht davor, dass eine neue Zeile dort stehen könnte, sondern davor, dass sie eines Tages die Handschrift, in der sie geschrieben ist, nicht mehr von ihrer eigenen unterscheiden kann.
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