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Der Enkel, der meine Sprache nicht spricht

von WernerK · 12. Juli 2026 · Familie & Generationen

Werner, 75 Jahre alt, sieht seinen in Vancouver aufgewachsenen Enkel zweimal im Jahr und erlebt schmerzlich, dass der siebenjährige Junge kaum Deutsch spricht. Ein stiller Wendepunkt vor zwei Jahren – ein unverstehbares Bild, das der Enkel ihm zeigte – bewog Werner dazu, selbst Englisch zu lernen. Er will die sprachliche Distanz wenigstens halbieren, um seinem Enkel eines Tages ohne Übersetzung sagen zu können, dass er ihn liebt.

WernerK sieht seinen Enkel, der in Vancouver aufwächst, zweimal im Jahr, für jeweils zwei Wochen, und hat sich mit einer Realität abgefunden, die ihn trotzdem jedes Mal aufs Neue trifft: Der Junge, mittlerweile sieben, spricht kaum Deutsch, versteht es nur bruchstückhaft, und die Gespräche zwischen ihnen laufen inzwischen fast vollständig über die Mutter des Kindes, Werners Schwiegertochter, die übersetzt, vermittelt, erklärt.

Werner hat selbst nie beschlossen, dass es so kommen würde. Als sein Sohn vor zwölf Jahren nach Kanada auswanderte, dachte niemand ernsthaft darüber nach, wie sich Sprache über eine Generation hinweg verdünnt, wenn der Alltag in einer anderen Sprache stattfindet, wenn die Schule, die Freunde, die Träume eines Kindes auf Englisch geschehen und Deutsch nur noch ein Klang bleibt, den Oma und Opa am Telefon von sich geben. Er hat es sich selbst nie eingestanden, wie sehr ihn das trifft, bis zu einem Nachmittag vor zwei Jahren, als sein Enkel ihm auf Englisch ein Bild zeigte und Werner, zum ersten Mal in seinem Leben, keine Ahnung hatte, was sein eigenes Enkelkind ihm gerade erzählte.

Er hat seither begonnen, selbst Englisch zu lernen, mit fünfundsiebzig, mit einer App, die ihm seine Tochter installiert hat, jeden Morgen fünfzehn Minuten, mühsam, oft frustrierend, weil sein Gedächtnis nicht mehr so ist wie mit dreißig. Er wird seinen Enkel nie in dessen eigener Sprache wirklich kennenlernen können, das weiß er. Aber er will wenigstens die Distanz halbieren, nicht ganz überlassen der Übersetzung durch andere.

Ich kann meinem Enkel keine deutschen Kindheitslieder mehr vorsingen, weil er sie nicht versteht, sagt Werner. Also lerne ich seine Sprache, nicht perfekt, nicht schnell, aber genug, um ihm eines Tages direkt zu sagen, dass ich ihn liebe, ohne dass seine Mutter dabeisteht und übersetzt.

Sprachverlust über GenerationenEmigration und familiäre EntfremdungLiebe trotz Distanz
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