Das Dorf, das sich selbst vermietet
von Sofia · 12. Juli 2026 · Gesellschaft & Zeitgeschehen
Sofia Papadimitriou unterrichtet seit 28 Jahren an einer kretischen Dorfschule und beobachtet, wie ihr Ort durch Kurzzeitvermietungen langsam seine Gemeinschaft verliert – ihr Jahrgang schrumpfte von 22 auf 9 Kinder. Kein einzelner Entschluss war schuld, sondern eine stille Summe vernünftiger Einzelentscheidungen, die das Dorf in eine Kulisse seiner selbst verwandelt haben. Mit ihren verbliebenen neun Schülern dokumentiert sie das Gedächtnis des Ortes, bevor es verblasst.
Sofia Papadimitriou unterrichtet seit achtundzwanzig Jahren an der Grundschule ihres kretischen Küstenorts, und sie kann die Veränderung an einer einzigen Zahl festmachen: Vor zehn Jahren hatte ihre Klasse zweiundzwanzig Kinder. Heute sind es neun. Nicht, weil weniger Kinder geboren werden — sondern weil die Häuser, in denen früher Familien wohnten, jetzt für sechs Monate im Jahr leer stehen und für die anderen sechs an Touristen vermietet werden, die niemanden aus dem Dorf kennenlernen wollen, weil die App das nicht verlangt.
Das alte Haus der Familie Kontos, in dem drei Generationen wohnten, gehört jetzt einer Investmentfirma aus Athen. Es hat einen Pool bekommen, wo früher der Gemüsegarten war, und eine Schlüsselbox an der Tür, damit niemand mehr klingeln muss. Sofia sieht die Gäste manchmal am Hafen, freundlich, harmlos, und doch fühlt es sich an, als würde das Dorf langsam eine Kulisse für ein Dorf werden, das es einmal war.
Was sie am meisten beschäftigt, ist nicht der Verlust selbst, sondern wie leise er passiert. Niemand hat eine Entscheidung getroffen. Jede einzelne Vermietung war für sich genommen vernünftig — eine Witwe, die die Rente aufbessern musste; ein Sohn in Athen, der das Elternhaus nicht bewohnen wollte, aber auch nicht verkaufen; eine Firma, die ein gutes Angebot machte. Zusammengenommen ergibt das ein Dorf, das sich selbst, Zimmer für Zimmer, an Menschen vermietet hat, die nächstes Jahr schon woanders sein werden.
In der Schule hat Sofia begonnen, mit den verbliebenen neun Kindern ein Projekt zu machen: Sie zeichnen jedes Haus im Dorf und schreiben auf, wer dort früher wohnte. „Vielleicht rette ich das Dorf nicht", sagt sie. „Aber neun Kinder werden wissen, was hier war, bevor es zu einer Postkarte wurde."
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